
Treffen
21. Oktober 2022
Leben schreibt Geschichten
11. November 2022Zwei Geschichten – ein Inhalt
Ein Buch, ein Inhalt, zwei verschiedene Cover, ich konnte mich beim Designwettbewerb einfach nicht entscheiden. Jedes Cover hat ihre Geschichte.
Cover 1
Dieses Cover ist dunkel, düster, eine einsame Frau, schmales Gepäck in der Hand, bereit für den Aufbruch. Oder doch nicht? Aber da, wo sie war, gab es nichts mehr, gar nichts hielt sie mehr. Der Boden, die Erde, das Gras war dürr, trocken, kraftlos, mehr Staffage als Nährmittel für wen auch immer. Ausgedörrt, vertrocknet. Wenn die Frau dortbleiben würde, würde sie über kurz oder lang genauso werden wie das Gras. Vertrocknet, zu einem Nichts geschrumpft. Bis auf die Kleidung würde nichts mehr an sie erinnern. Und die Kleidung war trostlos, dunkelgrau, verschwand fast im Schatten, in der aufziehenden Dämmerung. Was also sollte sie noch hier? Vor allem fragte sie sich das als sie in der Ferne etwas schimmern, etwas leuchten sah. Klatschmohn, blutrot. Voller Farbe, voller Leben. Verheißung. Wie sollte sie dahin kommen?
Im Grunde ganz einfach: Wie jede Reise beginnend mit dem ersten Schritt, der ist bekanntlich der schwerste. Und so war es auch. Ganz langsam hob sie den linken Fuß, das rechte Bein war deutlich belastbarer und schob ihn ein winziges Stück nach vorn. Aufsetzen, ausbalancieren, stehen bleiben, schauen, abwarten, horchen und sehen. Hatte sich irgendetwas verändert? War sie dem Ziel auch nur ein wenig nähergekommen? Scheinbar nicht. Also auf ein Neues, ein sich in Bewegung setzen. Dieses Mal zum Ausgleich mit dem rechten Fuß. Das Knie etwas höher nehmend. Trotzdem fast über den Boden schleifend. So, die wenigen Millimeter mussten reichen, wieder ein Schritt. Dieses Mal keine Pause, einfach weitermachen, mindestens fünf Schritte bis zum nächsten Halt, zum nächsten Stopp. Wenn es nur nicht so schwer wäre. Wo wollte sie noch einmal hin? Da vorne? Wo war denn vorne? Sie konnte doch nicht jetzt schon die Orientierung verloren haben? Sie war doch erst losgegangen. Was war hier los? Und dann dieses Dämmerlicht: Wo kam denn das jetzt her? Puh, die Tasche mit den wenigen Habseligkeiten war so schwer. Dabei war doch fast nichts drin. Eine Kreditkarte wiegt nichts, die paar Erinnerungen kaum mehr. Hatte sie überhaupt Kleidung zum Wechseln mitgenommen? Sie konnte sich nicht erinnern. War nicht wichtig. Überfordert von der Situation. Jetzt schon, nach wenigen Schritten. Aber die Bewegung, so langsam sie auch erfolgte, machte warm. Brachte den Kreislauf in Schwung, nach all den Jahren des Stillstands. Bewegung, die hatte was. Wieder ein Schritt. Wo war sie denn momentan? Wo der Klatschmohn? Wieso war der plötzlich leicht rechts von ihr? Sie wollte doch geradeaus darauf zueilen, hm, Richtung verpasst. Kleine Drehung mit dem Oberkörper nach rechts und schon passte der Blickwinkel wieder. So ging es Tage, Wochen, Monate und ja, Jahre voran, aber am Ende war der Zaun erreicht.
Und jetzt auf die andere Seite. Aber wie? Klettern? Eine Tür suchen? Woher die Kraft nehmen? Erst einmal ausruhen, gegenlehnen und abwarten. Was war das denn? Der Zaun bewegte sich, ganz langsam bog er sich dem Klatschmohn entgegen. War gar nicht tief in der Erde verankert gewesen. Noch ein bisschen mehr Gewicht ins Spiel gebracht. Nicht fallen, ordentlich dagegen lehnen, mit den Füssen nachhelfen und plötzlich lag der Zaun auf dem Boden. Einfach so. Und die erschöpfte Frau? Konnte gerade noch einen Sturz verhindern, trat den Zaum mit den Füssen ganz platt und sah sich erstmal um. Sie war auf einer Wiese, neben Klatschmohn gab es Kornblumen, das herrliche Blau neben dem leuchtenden Rot, was für ein Kontrast, was für eine Augenweide. Ja, hier war sie richtig! Hier würde sie eine Weile bleiben und all die Farben in sich einsaugen, die Aussicht genießen. Und dann der Geruch. Was für ein Duft traf da ihre Nase? Schwebte da ein Hauch von Lavendel heran? Und hier, war das ein Lauchgewächs? Hier blühte das Leben, hier fühlte sie sich wohl! Hier würde sie sich erstmal gründlich ausruhen und von den Strapazen der Reise erholen!
Cover 2
Wohlig streckt sich die Frau der Sonne entgegen. Dehnt ihre Glieder, begrüßt das Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt. Was war das für eine Reise bis hierhin gewesen?! Als sie hier ankam war sie ganz schwach, aber dann ging es ihr von Tag zu Tag besser. Sie fühlt sich so frei hier in ihrem kleinen Paradies. Sah einfach über Dunghaufen, die ab und zu auf der Wiese lagen, und Würmer hinweg. Ignorierte die Schmeißfliegen, die Mücken. Genoss dagegen das Summen der Bienen und anderen Insekten.
Wie war es gewesen als sie hier ankam? Schwach von der Durchquerung des Ödlandes? Die ersten Tage lag sie nur so da, irgendwann richtete sie sich auf, sitzen ging. Und immer weiter in der Bewegung, die Glieder geschmeidig machend. Und mit jeder Bewegung fiel der Rest ihrer Rüstung von ihr ab. Die Rüstung, entstanden aus Staub, der sich jahrelang auf sie legte in ihrer Unbeweglichkeit. Staub, gebacken im Laufe der Zeit zu einer festen Kruste, einer Rüstung, einem Schutz vor allen Widrigkeiten des Lebens, aber ja, auch einengend und unbeweglich machend.
Mensch, tat das gut die Sonne auf der wenig bekleideten Haut. Die Bewegung, das Fallen lassen können des Schildes, welches sie fast immer eng bei sich getragen hatte. Die Tasche mit den wenigen Utensilien, die sie auf der mühsamen Reise begleitet hatte, war eben nicht nur ein Vorratsbehälter und Gepäckstück gewesen, sondern gleichzeitig Schild und Schutz. Bloß, gegen wen wollte sie sich damit verteidigen? War es nicht eher ein Abschirmen gewesen? Ein sich verstecken? Ein nur sehr wenig von sich preisgeben? Eine Tarnung, um nicht gesehen zu werden? So lange Zeit bis ihr das Unsichtbarsein des eigenen Ichs gar nicht mehr bewusst war? All diese Fragen spielten in diesem Moment keine Rolle. Im Hier und Jetzt. Hier auf der Spielwiese des Lebens.
Als sie sich umsah, endlich bewusst umsah, die Umgebung wirklich wahrnahm, nicht nur das Gefühl des „Ich habe es geschafft“ auskostend, fielen ihr die Menschen um sich herum auf. Einige ganz nah, andere weiter weg, mache am Horizont kaum noch zu erkennen Wer waren diese Menschen? Alle kamen ihr vertraut vor. Die Frau dort vorne: Ein Gefühl von großer Wärme und Zuneigung ging von ihr aus. Wer war das? Kannte sie die Frau? Sicher, warum würde sie sich sonst sofort in eine Umarmung stürzen wollen? Sie, die Umarmungen sonst, früher, immer für sentimentales Zeugs hielt? Und der Mann da, wieso eilte der davon? „Halt“ wollte sie ihm hinterherrufen, „komm zurück!“ Zu spät, eine Senke hatte ihn verschluckt. Ein Gefühl des Verlustes stieg in ihr auf.
Wer waren diese Menschen. Woher kannte sie sie? Langsam, ganz langsam kamen die Erinnerungen an dunkle Stunden der Reise zurück. An Stunden voller Einsamkeit, an ein nicht mehr Können, ein nicht mehr Wollen. Und an das Gefühl nicht allein zu sein, die Erinnerung, dass ihr jemand gut zuredete nicht aufzugeben. An Schweigen, aber Stütze, wenn der Weg zu beschwerlich wurde, die Hügel zu hoch. Ja, sie erinnerte sich, auf dem Weg gab es auch Hügel, die von weitem wie Achttausender aussahen. Erst beim näher kommen kleiner und kleiner wurden, aber eben auch nicht eben. Und immer war jemand an ihrer Seite oder lief voraus und schwenkte eine Lampe, ein Licht, wenn die Düsternis zu finster war, der Weg kaum mehr zu sehen, sie mehr als einmal dabei war die Orientierung zu verlieren.
Immer waren Menschen an ihrer Seite gewesen und passten auf sie auf, begrüßten freudig mit ihr jeden Wegfall eines Rüstungsteils, die neue Beweglichkeit des Körpers und ja, auch des Geistes. Allein hätte sie diesen Weg, weg von der Ödnis zur Sommerwiese, nicht so unbeschadet überstanden, wenn überhaupt geschafft.
Wer waren diese Menschen? Jetzt wusste sie es wieder, konnte die Begleiter benennen, denn genau das waren sie gewesen: Wegbegleiter, Weggefährten, Vertraute, Freunde. Menschen, die es gut mit ihr meinten. Ja, mit ihrer Hilfe war sie jetzt hier und konnte die Sonne genießen, sich frei bewegen. Was für ein Geschenk!




