
Zwillinge?
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Weil es den Menschen braucht
16. November 2022Und ich sie auf 😉
Sieht so ein Bordell aus?
Aber lasst mich am Anfang anfangen. Ich hatte mein Seminar im Reimlingen beendet und war auf dem Weg nach Norden, nach Northeim. Dort wollte ich die Frau treffen, bei der ich mich selbst zum Tee eingeladen hatte.
Voller Vorfreude fuhr ich los. Auch langsame Laster auf den gefühlten endlosen Landstraßen, bis zur A7 waren es mehr als siebzig Kilometer, dämpften meine Euphorie nicht. Das Seminar war gut verlaufen, ich hatte immerhin ein Buch verkauft, es hatte mich weitergebracht und jetzt war ich dabei mit meinem schönen Auto nach Norden in meine alte Heimat zu fahren. „Alte“ Heimat, nicht wirklich, eher Heimat generell. Beim Autobahnrasthof Rhön brauchte ich nach knapp 2 Stunden eine Pause, telefonierte wegen scheinbarer unlösbarer Probleme mit meinem Kind und fuhr weiter. In der Pause gegen 17.00 hatte ich mir noch schnell mein Quartier für die Nacht gebucht, eine Ferienwohnung mitten in der Stadt, Parkplatz angeblich direkt vor der Tür, meine voraussichtliche Ankunftszeit mitgeteilt. Soweit alles gut.
Die Fahrt in die beginnende Nacht war anstrengender als ich gedacht hatte: Viele LKW, die unbedingt Elefantenrennen spielen mussten, Baustellen und dann die Kasseler Berge. Auf deren Überquerung hatte ich mich gefreut, früher liebte ich es tatsächlich bei relativ wenig Verkehr die Strecke zu fahren, möglichst auf dem linken Fahrstreifen. Diese Nacht war es anders. Dunkel, ich war müder und erschöpfter als erwartet, Baustellen ohne Ende, Fahrbahnverengung von hier auf jetzt von gefühlten fünf Metern Breite auf einen Meter bei mehr als zwei Meter breitem Auto. Ich musste höllisch aufpassen.
Aber irgendwann hatte ich die Strecke geschafft, die Autobahn hinter mir gelassen und stand um 19.04 Uhr vor dem Haus, in dem sich die Ferienwohnung befinden sollte. Parkplatz so gerade eben gefunden, okay. Klingeln und Briefkästen ohne Namensschilder, na toll. Angerufen bei der übermittelten Telefonnummer: Nichts! E-Mail geschrieben, gewartet. Ungeduldig gewartet, ich war müde und hungrig, mindestens. 19.30 Uhr, immer noch keine Antwort, auch nach dem 3. Anruf nur die Mailbox. Also Smartphone raus und ein Hotel gegoogelt. Das Erste, welches mir vorgeschlagen wurde, war laut telefonischer Auskunft voll belegt. Das Zweite etwas außerhalb, aber sehr ansprechend. Der Mann an der Rezeption, höflich, kompetent, cool. Da wollte ich hin. Mein Navi im Auto ist schlecht zu bedienen, zumindest von mir, also dieses Mal Google Maps angeworfen. Das Hotel soll im Wald liegen, also dachte ich mir nichts dabei als die Straße immer unwirtlicher wurde, aber immer noch asphaltiert war und sich mitten in Northeim befand. 30er Zone, rumms. Was war das denn? Ich war auf einer Bodenwelle aufgesessen, aber was für einer! Ausgestiegen geguckt, ob etwas kaputt war, ich ein Schild übersehen hatte, nichts. Gewendet, weitergefahren, ca. 30 m und stehen geblieben, denn ein furchtbares Quietschen und Scheppern erfüllte den Autoinnenraum. Weitergerollt, ja, das Geräusch kam von meinem Auto. Was tun? Frau und Auto, hm. Erster Gedanke mein Kind anzurufen, nach Hörprobe kam nur noch: „Ruf den ADAC an, keine Ahnung, was das ist.“
Auf meiner ADAC-Kreditkarte stehen alle notwendigen Kontaktdaten, ein Griff zum normalen Aufbewahrungsort: Nichts! Vielleicht aus Versehen in den Rucksack gepackt? Nichts. Im Auto verloren? Nichts! Und dann wurde der Abend richtig anstrengend. ADAC gegoogelt, Positionseingabe über what ever. Anruf von der Pannenhile, ob ich Mitglied sei. Klar, schon seit Jahrzehnten. Sie fände aber meinen Namen nicht? Mitgliedsnummer? Mitgeteilt, dass ich meine Karte verloren habe, sie möge doch noch einmal nachschauen, ich würde Kurz-Richter heißen und nicht Richter. Tatsächlich fündig geworden. Der Pannendienst würde so 60 Minuten brauchen, bis er da sei. Okay, was soll ich sonst tun außer warten? Mails gecheckt, ah, eine von der Vermieterin der Ferienwohnung erhalten, ich solle Nummer xy anrufen. Gesagt getan, wieder nur Mailbox. Neue Mail, sie sei beruflich eingespannt und könne jetzt nicht, ich möge warten, sie würde sich melden…
Hotel angerufen bis wann ich einchecken könne, Mitgefühl und die Antwort bekommen die ganze Nacht über. Wenigstens etwas! Kreditkarte sperren, absolut und dringend das Nächste auf der „To-do-Liste“. 116 116 als universale Telefonnummer gegoogelt. Die Fragen, die mir dort von einem Computer gestellt wurden, konnte ich zum Teil nicht beantworten „Wie lautet Ihre Kreditkartennummer?“ Beim Menschen war ich falsch und wurde zurück zum Computer verbunden… Meine Münchener Freundin schickte mir mittendrin die richtige Servicenummer und dann war alles ganz einfach. Punkt eins erledigt.
Dann rief mich die Vermieterin der Ferienwohnung an und sagte ihr Mann sei auf dem Weg zur Wohnung, ich könne ich 5 Minuten den Schlüssel in die Hand nehmen. Mitgeteilt, dass ich ganz woanders in der Stadt mit einem Autoschaden stehen würde. Und im Übrigen hätte ich jetzt, um 20.30 Uhr keinen Bedarf mehr an der Ferienwohnung, sondern würde ein Hotel vorziehen. Ja, das könne sie verstehen, aber ich müsste sie auch verstehen, ich hätte so spät gebucht, ihre Mitarbeiterin sein nicht erreichbar gewesen, aber sie würde ja jetzt (nach 1,5 Stunden) alles tun. „Ich will ein Hotel!“ Wo ich denn unterkäme? „Freigeist?“ „Ach, und dann gehen Sie ausgerechten ins teuerste Hotel der Stadt?“ „Ja.“ „War woanders nichts mehr frei?“ Die Ankunft des Pannendienstes unterbrach das Gespräch zum Glück, denn ich weiß nicht, was mir als nächstes auf der Zunge gelegen hätte.
Der Pannendienstler fand nichts bei einer äußeren Besichtigung, da wischte ich mir innerlich schon mal den Schweiß von der Stirn. Was denn sei? Ich solle ein paar Meter fahren. Ich wollte nicht, schließlich stand der Pannenwagen nur wenige Meter vor meinem am abschüssigen Berg. Ich konnte nicht mehr. Nicht, dass ich im Stress noch auf den auffahre, weil ich Bremse und Gas verwechselt habe. Also selbst ist der Mann. Kaum ein paar Meter gerollt, standen die Anwohner an den Fenstern, der Mann war ratlos, ich sowieso. Der Motor läuft doch gut. Ja, tut er. Und dann fand er doch noch die Ursache: Ein Kieselstein hatte sich zwischen Bremse und what ever eingeklemmt. Herausgekratzt, fertig. Super.
Also auf zum teuersten Hotel der Stadt, egal. Freundlicher Empfang: „Und, wie war die Anreise?“ Zwinker, zwinker. „Gut“. Zimmerkarte bekommen und die Auskunft, dass das Restaurant noch ca. 10 Minuten geöffnet hätte und ich mich schicken solle. Ach ja, die Getränke heute gehen aufs Haus. Wo wäre dann die Ferienwohnung gewesen? Adresse genannt. „Da gibt es eine Ferienwohnung?“ „Ja, wieso?“ „Da befindet sich das Bordell der Stadt.“ Pause. „Bordell?“ „Ja, ich bin eingeborener Northeimer, sicher.“ Schluck.
Meinen Koffer ins Zimmer gestellt, im Restaurant gerade noch zumindest zwei Desserts bekommen, die Drinks aufs Haus geschlürft, zurück ins Zimmer. Licht geht nur partiell, stört mich heute nicht mehr. Aber: Kein Handyempfang und das hauseigene WLAN funktioniert dort auch nicht. Bei der Rezeption angerufen. Zimmertausch als Konsequenz. Upgrade, immerhin, obwohl, im Grunde egal. Schlafen. Warm. Fenster geöffnet und sofort wieder geschlossen. Landluft pur. Anscheinend hatte der Landwirt gerade seine Felder gedüngt 🙁
An nächsten Morgen war fast alles vergessen. Umfangreiches Frühstücksbuffet, schöne Aus- und Ansichten in der Stadt, Buchladen und anderes. Und dann war es auch schon Zeit für das Highlight des Tages, der Besuch weswegen ich überhaupt gekommen war. Der Besuch bei der Frau, bei der ich mich selbst zum Tee eingeladen hatte, weil die Pferde mit mir durchgingen. Geklingelt, begrüßt, in die Küche geführt, mich zuhause gefühlt. Stand da doch das Geschirr „Blaue Blümchen“ auf dem Tisch. Das habe ich auch, von meiner Oma geerbt. So schließt sich manchmal der Kreis.





