Vom Ende der Unschuld

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Das sexuelle Drama eine Frau zu werden

Dieser Titel von Naomi Wolf stand letztes Jahr bei irgendeinem feministischen Buch auf der Literaturliste. Ich bestellte es beim Antiquariat und vergaß die Bestellung dann. Als ich Mitte dieses Jahres ein Buch dort abholen wollte, wurde mir auch dieses in die Hand gedrückt, zusammen einigen anderen. Die anderen las ich erst, dieses hier fing ich an, legte es beiseite. Las später etwas weiter, stoppte, dasselbe Spiel von vorn. Aber jetzt habe ich es durch und mir in der Zwischenzeit viele Gedanken gemacht. Über mich selbst und meine Sexualität. Über das, was da ist, und, umso mehr, was fehlt. Das Buch schildert das Aufwachsen von jungen Mädchen Mitte der 70er in San Franzisco, Amerika, kein Vergleich mit meiner Jugend, vielleicht aber doch.

Ich habe den ersten Mann geheiratet, mit dem ich im Bett war, das zum Verständnis vorweg. Mir fehlte bis zu seinem Tod ein Vergleich. Und dann stand ich da, Mitte 50, und beschloss, dass mit der Witwenschaft mein Leben nicht endet, sondern beginnt. Auf in ein neues Leben, mit allen Höhen und Tiefen.

„Du benimmst Dich wie eine pubertierende 14-jährige“, hörte ich im November 2019, schämte mich ein paar Sekunden lang, aber wusste nicht wirklich mit diesen Worten etwas anzufangen. Was blieb war ein Stachel und Unverständnis. Wie benehmen sich denn pubertierende 14-jährige? Keine Ahnung, aber das Buch gibt eine Antwort, wie sich diese in den 1970er, also auch zu meiner Jugendzeit, benommen haben. Kann ich damit im Hier und Heute etwas anfangen? Jain, in diesem Buch sind die Mädchen, die Autorin, soweit es autobiographisch ist, sexuell aktiv, aber nur insoweit, wie es dem Vergnügen der jungen Männer dient. Mitschwimmen im Strom, fast alles mitmachen, vielleicht fast alle sexuellen Praktiken beherrschen, aber keinen Kontakt zum eigenen Empfinden und den eigenen Gefühlen haben. Trotz aller Aktivität eine sehr passive Rolle. Kommt mir partiell bekannt vor.

Eigenes Begehren? Was ist das? Weibliches Begehren hat nicht einmal ein Wort. Wenn es dafür kein Wort gibt, wie sollen wir Frauen darüber sprechen können? Sprachlos sein, sich nicht artikulieren können, etwas, was mir im Bereich Sexualität, meiner Sexualität, das Leben und Lieben sehr schwer macht. Soweit ich es herausfinden konnte, können Männer keine Gedanken lesen, sind also auf Sprache, auch non-verbal, angewiesen. Aber ich habe diese Sprache aufgrund meiner Lebensumstände nicht gelernt! So, weiter schweigen und das Beste hoffen oder allen Mut zusammennehmen? Wie viel Mut brauche ich überhaupt, um eine selbstbestimmte Sexualität zu leben? Frage ist rhetorisch. Immerhin habe ich durch Versuch und Irrtum, nicht wirklich lustig, herausgefunden, was ich gerne mag. So weit bin ich also tatsächlich eine pubertierende 14-jährige, mit 60, tja.

Bringt mich diese Erkenntnis weiter? Bringt mich die Geschichte des weiblichen Begehrens, wie sie in diesem Buch durchaus mit vielen Worten dargestellt wird, weiter? Wird sie meine Sprachlosigkeit heilen können? Habe ich so viel Mut, wie ich brauche, um beim nächsten Zusammensein mit einem Mann klar kommunizieren zu können, was ich möchte? Oder sind die Scham und das erlernte Verhalten, passiv sein, stärker? Ich hoffe ersteres, kann letzteres aber nicht ausschließen. Alter kann in jeder Richtung eine Hürde sein. Denn auch das habe ich in den letzten Jahren gelernt, von einer Sechzigjährigen werden, von der Männerseite her, und natürlich sehr verallgemeinernd, bestimmte Erfahrungen erwartet. Und dann fällt da eine durchs Raster, Schulterzucken. Das macht etwas, mit allen Beteiligten.

Was dieses Buch auch sehr schön herausarbeitet, ist, dass es in unserer westlichen Gesellschaft keine Rituale gibt, die Mädchen bei dem Übergang zur Frau begleiten. Hätte es mir geholfen? Vielleicht. Dann hätte ich im Frühjahr 2018 wenigstens googlen oder anders herausfinden können, was mir fehlt.

Mit Freundinnen darüber sprechen, super Idee. Wie denn, wenn die Worte fehlen? Heute, vier Jahre und duzende Bücher später bin ich durchaus eloquenter. Aber alle Frauen in meinem Freundeskreis sind keine Teenager mehr, das leicht lockere Gespräch über Sex gehört nicht zur normalen Themenpalette, wer will anfangen und sich outen? Gibt es außer bei mir noch bei anderen Frauen Gesprächsbedarf? Wenn ich die Bücher so lese, schon. Allerdings sind die auch zum Geld verdienen geschrieben, nicht nur aus dem Bedürfnis des Schreibens und der Wissensteilung heraus, also?

Was bleibt? Abwarten, Tee trinken, mutig sein. Oder der Womanizer. Obwohl, der schenk zwar Orgasmen, ersetzt aber keine Berührung und Kuscheln. Warum kann ich nicht alles haben, und zwar sofort?