
Vom Ende der Unschuld
11. Dezember 2022
Lesetip für alle
26. Dezember 2022Zumindest nicht im Jahr 2022 😉
Es ist Heiligabend, gerade eben habe ich noch einen Film mit einer sehr jungen Jodie Foster gesehen und jetzt sitze ich hier, im „Spa-Bereich“ meines Hotels, weil die Lounge wegen des Feiertags schon geschlossen hat. Und der Tisch in meinem Zimmer so klein ist, dass das Laptop keinen Platz hat.
Heiligabend in Österreich, allein und doch nicht allein. Mein Sohn und ich wollten hier Urlaub machen, stattdessen kurieren wir eher unsere Erkältungen aus…
Wir bereuen nichts! Pluralis majestatis 😉
Diese Karte gefällt mir, gesehen an der Bürotür eine Kollegin. Muss ich bereuen, um Geschenke zu bekommen? Was soll mir diese Karte suggerieren? Weihnachten nur für Brave? Ist Weihnachten überhaupt der richtige Zeitpunkt für Reue und einen Rückblick auf das vergangene Jahr? Was macht diesen Abend so besonders, rhetorische Frage an die Christen unter uns. Und für die anderen ist es ein Fest der Familie? Weil, wie mein Kind so treffend sagte: „Weihnachten kommt der Weihnachtsmann für alle. Das Christkind nur für die Christen.“ Ich musste schmunzeln als ich das hörte, die Welt einfach erklärt, wahr und irgendwie doch nicht. Es treten immer mehr Deutsche aus den verschiedensten Gründen aus der Kirche aus, das christliche Abendland ist offiziell gar nicht mehr so christlich und wir genehmigen uns zwei Feiertage? Wozu? Um zu bereuen? Heiligabend, da feiern wir doch die Ankunft des Jesuskindes, den Beginn. Warum also auf der Karte der Hinweis auf einen Rückblick? Warum müssen Kinder scheinbar brav sein, um etwas zu bekommen, mehr als die Rute jedenfalls? Oder habe ich die Karte falsch interpretiert und es ist der Nikolaus? Aber der ist doch der Legende nach ein frommer Mann, der unverschuldet in Not geratenen Menschen half. Irgendwas läuft hier nicht ganz rund, und wenn es nur meine Gedanken sind, puh, ist es heiß hier beim Minipool.
Ich bereue nichts, zurück zum Text. Das tue ich tatsächlich nicht. Weder den Verkauf meines Hauses, das Mieten einer eigentlich zu teuren Mietwohnung, das Herausgeben eines Buches, die Teilnahme an der Feier zum 90. Geburtstag meines Vaters noch die unterlassene Weihnachtspost an die meisten meiner Freundinnen. Das Letzte schmerzt ein bisschen, aber ich bereue es nicht. Denn ich war aus gesundheitlichen Gründen schlicht nicht in der Lage dazu. Entschuldigt, sage ich mir. Keine Reue, ein leises Bedauern, ja, aber das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, verwandt vielleicht, aber nicht allzu eng…
Reue, was ist Reue überhaupt? Letztendlich nach Wörterbuch das Erkennen einer falschen, unrechten Handlung und ein tiefes Bedauern darüber. Reue setzt also voraus, dass ich willentlich etwas Falsches getan oder etwas Richtiges unterlassen habe. Eine Entscheidung. Habe ich mich im Laufe des letzten Jahres ab und zu falsch entschieden? Sicherlich. Ist daraus ein Schaden entstanden, der mehr als nur mich selbst betrifft? Vielleicht, aber empfinde ich deswegen Reue? Nein.
Ich lebe inzwischen ein Leben so weit weg von gesellschaftlichen Zwängen wie es mir möglich ist. Ich versuche das „Ich“ in mir zum Maßstab meines Handelns werden zu lassen, dass heißt alte Glaubenssätze aktiv zu hinterfragen und auszumerzen, wenn diese nicht mehr zu meinem neuen Leben, nein, besser, erstmalig Leben passen. Das ist schwierig, unbestritten.
‚Du sollst deine Eltern lieben und ehren‘ ist so ein Glaubenssatz, den ich heutzutage nicht mehr unterschreiben und auch nicht mehr uneingeschränkt leben kann und will. Es ist nicht nur ein Glaubenssatz, sondern das vierte Gebot, eine klare Forderung. Ich habe gelernt, meinem Therapeuten sei Dank, dass ich nicht mehr jeder Forderung nachkommen muss. Das ich selbst entscheiden kann, natürlich aber auch mit den Folgen leben muss.
Ich bin der Einladung meines Vaters zu seiner Geburtstagsfeier mit einem Grummeln im Bauch gefolgt, denn “Familie“ war in meinem Leben nie einfach. Weder die enge noch die erweiterte. Erst nach dem Tod meines Mannes fühle ich mich in der sogenannten „Kernfamilie“ mit meinem Kind so richtig wohl. Seit fast fünf Jahren passt es, meistens wenigstens.
Familienfeier im Norden also ein bekanntermaßen schwieriges Terrain, ich wusste tatsächlich bis zum vorletzten Tag nicht, ob ich wirklich fahren würde. Sind wir aber dann doch, mein Kind und ich. Und die Feier war noch schlimmer als erwartet. Wenn der Besuch nicht therapeutischen Zwecken gedient hätte, sozusagen als Übungsfeld, nur eine reine Zeit- und Geldverschwendung. So war es nur !! erschreckend zu sehen und vor allen Dingen zu fühlen, wie weit ich den Beziehungen zu meiner Herkunftsfamilie entwachsen bin. Da will ich einfach nicht mehr sein, in einem Topf mit denen, nie wieder! Einzelne ab und zu mal treffen, gerne, Kontakt halten zu zumindest einer meiner Schwestern, einer Nichte, aber der Rest ist mir fremd. Meine Eltern auch. Definitiv. Seit dem Erscheinen meines Buches ist das Verhältnis zu ihnen noch angespannter als sonst. Aber ich will diese angespannten Verhältnisse nicht mehr, diesen Zwang zum Kontakt. Ich will mein Leben leben, befreit! Also heißt es Abschied nehmen, auch wenn ich noch nicht weiß wie. Schweigen und einfach verschwinden? Aktives Tun mit „Ich will keinen Kontakt mehr!“ wäre ja schon sehr drastisch! Abwarten ist auch eine Option, habe ich gelernt. Wichtig ist, dass ich am Ende weiterhin überzeugend sagen kann „Ich bereue nichts!“
In diesem Sinne: Besinnliche Weihnachten.





