Tabubruch

Pausenfüller

28. Juli 2022

Alter

7. August 2022

Pausenfüller

28. Juli 2022

Alter

7. August 2022

Wenn es nach Anonynus/Anonyma geht, bin ich eine ruchlose Person! „Verkommen“ ist das richtige, das benutzte Wort. Auch nicht viel besser. Was habe ich getan? Ich habe es gewagt eine für mich klare, eindeutige Tatsache zu schreiben, nämlich dass ich meine Mutter nicht mag. Das allein reicht aus, um als sittlich verwahrlost, tief im Elend versunken etc. eingestuft zu werden. Was will mir der Schreiber/die Schreiberin mit diesen Worten sagen? Ich muss meine Mutter lieben? Lässt sich Liebe überhaupt erzwingen? Will mein Gegenüber eine „erzwungene“ Zuneigung? Fragen über Fragen.
Unverkennbar ist, ich habe mit dem Halbsatz „ich mag sie nicht einmal besonders“ in dem Blogbeitrag „Zeitschrift“ gegen eine Norm, gegen ein Tabu verstoßen. Gegen etwas, was der Person hinter diesem Satz „Wie verkommen muss man sein, so (grundlos) über seine Mutter zu schreiben?“ heilig ist. Denn mein Satz triggert diesen Menschen, andernfalls wäre die Reaktion ausgeblieben.

Es ist einfach über andere zu urteilen, wenn man/frau die Geschichte nicht kennt, die hinter dieser Aussage steht. Muss allerdings hinter solch einer Äußerung erst eine Geschichte, ein Grund, eine Rechtfertigung stehen?  Wird es besser, das Nichtmögen, wenn ich dafür einen gesellschaftlich akzeptablen Grund angeben könnte oder würde? Immerhin wurde das Wort „grundlos“ in Klammern gesetzt. Wäre der Tabubruch dann weniger schlimm? Wo verläuft die Grenze? Bei Kindesmisshandlung oder reicht die Bevorzugung von Geschwistern aus? Wer entscheidet? Warum ist die klare Aussage „Ich liebe meine Mutter nicht“ überhaupt ein Tabubruch?

Wer bestimmt letztendlich den Umfang eines Tabus? Wir alle, denn Tabus sind unreflektiert, bedingungslos, tief in einer Gesellschaft verankert. Ungeschrieben, kein Gesetz im eigentlichen Sinne. Sie betreffen im Normalfall wunde Punkte. Der Konsens, bestimmte Dinge nicht zu sagen oder zu berühren, ist Ausfluss der jeweiligen Gesellschaft und daher je nach Kultur unterschiedlich. Ein Tabu ist eine soziale Norm, also kann sie auch verändert werden! Und daher können wir, wenn wir es wollen, Tabus neu erschaffen oder alte einfach beseitigen. Dafür müssen wir aber Tabus hinterfragen und uns mit ihnen und ihrer Entstehungsgeschichte beschäftigen, nachdenken und diskutieren, im weitesten Sinne arbeiten. Nicht jedermanns/jederfraus Sache!

Habe ich wirklich einen Tabubruch begangen als ich schrieb, dass ich meine Mutter nicht mag? Ja, ich denke schon. Aber warum? Wenn ich sage „Ich mag meine Nachbarin Y nicht“ oder „Ich mag meine Kollegin X nicht“, dann macht sich niemand/niefrau darüber große Gedanken, geschweige regt sich darüber auf. Wir sind Menschen, wir mögen nicht jede/n und alle. Das ist ganz normal. Warum soll es also in der eigenen Familie anderes sein? Und wenn es nicht anders ist, warum darf ich dann nicht darüber reden ohne gleich als moralisch verkommen eingestuft zu werden?

Nochmals, warum ist es ein Tabu in unserer Gesellschaft über die wahren Gefühle gegenüber den Eltern und anderen Verwandten zu reden? Zum Beispiel auch in Bezug auf Geschwister oder eigene Kinder? Ein Relikt aus den Zeiten als Sippe alles und der Einzelne nichts war? Verloren in der Wildnis, keine Sozialversicherung im Sozialstaat, damals als die Menschen deutlich mehr als heute aufeinander angewiesen waren? Wo ist da der wunde Punkt, der auslösende Trigger?

Ich kann mir doch meine Verwandtschaft im Gegensatz zu Freunden nicht aussuchen, die Eltern noch weniger, also warum soll ich sie mögen? Einfach so kraft Geburt? Und wenn ich es nicht kann, muss ich so tun als ob? Heucheln? Lügen? Hm, da geht der Konflikt für die Christen unter uns schon los. Das vierte Gebot heißt sinngemäß „Du sollst deine Eltern ehren auf das Du lang lebest“ Das achte Gebot allerdings „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Klar, für viele ist schweigen, ist „nichts sagen“ keine Lüge, aber was ist mit denen, die reden und das Schweigen anders eingruppieren? Hier kollidieren eindeutig, für mich jedenfalls, zwei Gebote miteinander. Wie damit umgehen? Sich selbst belügen und alles schönreden und /oder -denken? Die Lösung ist sicherlich individuell, meine auch!

‚Ich soll meine Eltern ehren‘. Hm, kann ich meine Mutter nicht mögen und trotzdem ehren? Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings, dass ich meine „Pflichten“ ihr gegenüber erfülle, allerdings so, wie ich das Wort „Pflicht“ verstehe. Und dies, obwohl ich das sehr kluge Buch von der Philosophin Barbara Bleisch mit dem Titel „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ gelesen habe.

Nichts schulden! Keine Liebe, keine Sympathie, kein Geld, keine Zuwendung, keine Zeit, einfach nichts. Wir schulden unseren Eltern nichts! Was für eine beruhigende Vorstellung. Wie einfach! Das heißt ja nicht, dass wir nicht genau diese Dinge gegenüber unseren Eltern erbringen können und wollen, aber wir müssen es nicht. Das ist in meinen Augen ein großer Unterschied.

Ich persönlich glaube, dass das Leben für viele Menschen einfacher werden würde, wenn sie sich selbst und ggf. anderen eingestehen könnten, dass sie den Verwandten A, B oder C nicht mögen. Ich mag auch eine meiner Schwestern nicht besonders, wahrscheinlich doppelter Tabubruch jetzt und unrettbar verloren, egal, trotzdem wahr. Ich weiß aber auch, dass diese Aussage eher toleriert wird als „Ich mag meine Mutter nicht besonders.“ Dafür gibt es keinen rationalen Grund. Ich habe mit beiden 50 % meiner Gene gemeinsam.

Ja, mit Tabus ist das so eine Sache…