Alter

Tabubruch

31. Juli 2022

Alles nur „Blablabla“?

14. August 2022

Tabubruch

31. Juli 2022

Alles nur „Blablabla“?

14. August 2022

Jung. Alt. Älter. Mittelalt. Hochbetagt. Antik. Das Alter. „Wie alt bist Du?“ Und nicht „Wie viele Lebensjahre zählst Du?“.
Das Alter. Wann sind wir alt? Sind wir so alt wie wir uns fühlen? Warum heißt es dann nicht: „Wie jung bist Du?“ Warum wollen/müssen wir das Lebensalter unseres Gegenübers wissen? Was machen wir mit dem Wissen? Sind die Personen nach Antworterteilung interessanter oder langweiliger für uns? Stecken wir dann diese Person aufgrund der Antwort in eine Schublade? Zu wenig oder zu viel Lebenserfahrung? Noch grün hinter den Ohren oder schon altersweise?

Beim Dating Portal gebe ich bei ‚Suche‘ auch ein Alter ein. Warum? Weil ich es kann. Ist die Antwort wirklich so einfach? Denn damit sortiere ich doch schon von vornherein eine Menge Menschen aus. Warum heißt es nicht beim ersten Kennenlernen: „Welchen Kontostand hast Du?“ Warum ist anscheinend die Frage nach dem Alter deutlich wichtiger für uns in unserer Kultur? Interessante Gedanken, gehen mir seit ein paar Tagen durch den Kopf, Antworten sind rar.

Neuer Versuch: Wie alt bin ich umgangssprachlich? Mein Kind ist knapp 26, mein Vater wird kurz vor Weihnachten 90, bin ich dann „mittelalt“? Oder altersjung? Warum gibt es für das „Sandwichalter“ kein Wort? Oder kenne ich es nur nicht? Bin ich erst alt, wenn ich Leistungen in Form von Rente und Pension bekomme? Wer bestimmt mein Alter? Mein Personalausweis? Meine Geburtsurkunde? Ich selbst? Ich kann legal meinen Namen ändern, warum nicht auch mein Alter, sprich meinen Geburtstag? Zumindest dann, wenn vom Stichtag der Geburt keine Sozialleistungen abhängen oder ich mit der Änderung bewusst für immer auf welche verzichte? Vielleicht möchte ich auch mal im Frühling meinen Geburtstag feiern, vielleicht wäre mir das ein paar Monate weniger Rente wert? Hm, warum nicht? Nur weil das noch nicht geht oder in den letzten 100 Jahren nicht gemacht wurde, muss es doch nicht so bleiben! Hey, ich gehöre zur sogenannten Generation der Baby-Boomer, d.h. theoretisch sind wir viele. Könnten was bewegen, wenn wir wollten…

Aber will ich überhaupt mein Alter ändern, wenn ich mich noch wie 50 fühle? Früher, so ganz früher, waren die „Alten“ die Weisen. Die, die die Unbilden von was auch immer überlebt hatten. Waren hochgeachtet in Stamm und Sippe, zumindest bis zur nächsten Hungersnot…

Heutzutage? Ist die Hochachtung noch da? Oder bin ich, nur jefrau, die Ressourcen verbraucht, partout nicht einsehen will, das Fliegen absolut out ist und es Zeit wird Platz für die Jungen, wer auch immer das sein soll, zu machen? Wo verläuft da die Grenze, und vor allen Dingen, wer zieht diese? Baby-Boomer sind zahlenmäßig der Generation X überlegen…

Was ist das Wort „Alter“ überhaupt für ein Wort? Ein politisches? Ein abstraktes? Ein genau definiertes? Ein gefühltes? Ein immer schon da gewesenes? So viele Möglichkeiten. Was machen wir damit? Im Zweifelsfall nichts.

Früher, noch vor 100 Jahren, waren Menschen in der 6. Dekade ihres Lebens schon tot, die meisten wenigstens. Wenn ich meinen Vater anschaue, habe ich noch 30 Jahre voller geistiger Klarheit vor mir, zwar mit Wehwehchen, aber… 
Macht mich die Werbung alt? Mein Kind klagt, dass es fast überall, aus seiner Sicht, nur noch Werbung für alte Leute gibt: Kytta-Salbe, Lifta, Potenzpillen, Tena-Lady, die Zeitschriften und das Fernsehen sind voll davon. Hm, ich sehe immer nur Haribo und Kinderpingui, jede/r sieht halt, was er/sie sehen will. Selektive Wahrnehmung. Oder ist es doch nicht sooo einfach?

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich eine höchstens mittelalte Frau. Als ich gestern einen potenziellen Mieter anschaute, sah ich einen alten, verbrauchten Mann. Als ich mein Kind fragte, wie alt der Herr wohl sei, sagte es: „65 geschätzt“, knapp daneben, aber wirklich nur um ein Jahr. Schluck, ich nulle im Herbst.

Nullen, ja, hm, früher erfüllte mich das mit großer Freude, auf meiner Torte vor knapp zwanzig Jahren stand „Endlich 40“. Und nun, erstmal keine Torte mehr, Feier ja, eher verhalten, aber immerhin Feier. Freue ich mich auf die Zahl, die mir zusammen mit meinem Rentenausweis vielleicht die eine und andere Vergünstigung bringt? Bahnkarte wird zum Beispiel für Senioren günstiger. Seniorin, der Begriff für dazwischen? Zwischen was? Doch, was kommt danach? Pflegestufeninhaberin?

Alter, ja, was macht es mit mir, das Wort? Diese Woche habe ich mich das erste Mal seit langer Zeit meiner Lebensjahre geschämt. Warum eigentlich? Jugendwahn überall? Kosmetik für die reife Haut, nicht für die alte? Wo fängt „reif“ an und hört „jung“ auf? Fragen über Fragen. Ja, ich habe mich meines Alters geschämt, obwohl dafür, rückblickend, gar kein Grund bestand. Aber die Reduzierung allein auf die Lebensjahre war mir in der betreffenden Situation unangenehm. Obwohl ich sie selbst vornahm!
Ein Mann suchte eine Begleitung für ein Event. Aus dem Namen war nicht ersichtlich, welcher Generation er angehört, also kein Kevin aber auch kein Gottfried, der Text der Anzeige gefiel mir, aber war ich auch gemeint? Es gab keine Altersangabe. Weder für „wanted“ noch für „have“. Tja, und da saß ich nun voller Zweifel im Café. Soll ich oder soll ich nicht antworten? Keine Zweifel, weil ich mich für uninteressant oder unattraktiv hielt, sondern weil ich mir plötzlich meiner Lebensjahre bewusst wurde. Altersdiskriminierung? Wie denn, stand zum Alter ja nichts drin! Hier war das Fehlen, die Leerstelle der Auslöser für meine Überlegungen geworden. Absurd, trotzdem da. Ich habe meine „Bewerbung“ dann abgeschickt, bekam zu meiner Überraschung Antwort und ja, Alter wurde rasch ein Thema mit der klassischen Frage: „Wie alt bist du?“ Ich kniff und schrieb, so wie früher: „Du zuerst“ Absolut kindisch, aber wirksam. Zurück kam: „58, aber ich sehe 10 Jahre jünger aus!“ Hm, da hat anscheinend noch jemand Probleme mit dem Alter, sonst hätte es des Nachsatzes mit dem „jünger Aussehen“ nicht bedurft.

Inzwischen kann ich über diese Episode lachen. Ich freue mich auf meinen Geburtstag und die Null an zweiter Stelle. Finde den Begriff „Alter“ immer noch schwammig, lasse mir bei Bedarf über die Straße helfen, weil ich mal blond war und nicht, weil ich alt bin 😊