
Geht nicht, gibt’s nicht
24. Oktober 2023
Idylle ?
1. November 2023„Wissen wollen“
Sie schaute etwas entsetzt auf das doch recht schäbige Hotelzimmer. Im Stil der 70er Jahre lt. Beschreibung, aber doch nicht aus den 70ern! Hm, gebucht ist gebucht und der Parkplatz für ihr Auto war wirklich eine Wucht.
Kalt war es auch, erstmal die Heizung auf 5 gedreht, auch in der winzigen Küche, die zum Appartement gehörte. Nett, würde für zwei Nächte reichen. Keine Schränke, okay, den Inhalt ihres Koffers in eine bereitstehende Kommode einsortiert, nicht genug Platz, um „aus dem Koffer“ zu leben.
Probeliegen im Doppelbett. Wecker gestellt, keineswegs wollte sie die Ankunft seines Zuges verpassen. Leicht gedöst, etwas geruht und dann fing das Gedankenkarussell wieder zu drehen an:
- War es richtig nur ein Zimmer gebucht zu haben?
- Was, wenn sie überhaupt nicht schlafen konnte, so mit einem anderen Menschen neben sich? Sie schlief doch seit Jahrzenten allein.
- Mutig oder dumm? Was wäre, wenn der Mann doch nicht sooo „pflegeleicht“ war, wie er ihr bei den letzten beiden Begegnungen vorkam? Da hatten sie sich in seinen Räumen getroffen, da hätte sie jederzeit gehen können. Was sie ja auch jedes Mal getan hatte, als ihr nach Aufbruch war.
- Was wollte sie hier eigentlich von dem Mann?
- Konnte sie das diffuse Gefühl, die Aussage von „Ich will es wissen“ in andere Worte fassen? Dieses „Ich will es wissen“ war in der letzten Zeit immer stärker geworden. Klar, sie wollte Mister X mal in richtigen Klamotten sehen, nicht in der bequemen Jogginghose und ungebügelten T-Shirt. Diese Neugierde hätte sie sich doch bestimmt einfacher erfüllen können.
- Was war es also, was hinter diesen Wunsch „Ich will es wissen“ steckte? Die Gewissheit zu bekommen, dass „Bett teilen“ für sie auch „normal“ sein konnte? Was immer das heißen mochte.
- Oder, und so langsam näherten sich ihre Gedanken dem Kern des Ganzen, dass es tatsächlich die Möglichkeit gab mit diesem speziellen Mann Zeit außerhalb des Bettes zu verbringen: Gemeinsames Abendessen, ohne sich anzuschweigen. Denn er war ja ihrer Sprache kaum und sie seiner nur rudimentär mächtig. Okay, hatte manchmal etwas Slapstick artiges, wenn beide mit Handy in der Hand dasaßen, die Übersetzungsapp benötigten, um miteinander zu kommunizieren. Ging, aber das wollte sie nicht. Inzwischen fiel ihr das Englisch auch deutlich leichter, die Angst vor falscher Grammatik wich dem Bedürfnis sich mitzuteilen und verstanden zu werden, ohne Mittler.
- Fanden sie überhaupt gemeinsame Gesprächsthemen abseits von Sex? Wollte er das überhaupt?
Am Ende entschied sie sich doch für ein Backup und buchte ein weiteres Zimmer, nebenan war frei. Gut so.
Als sie der Dame an der Rezeption die Situation erklärte, bekam sie sogar einen Vorzugspreis 😊
Darüber sprechen, was Frauen in ihrem Alter so machen, wenn sie Bedürfnisse haben. Tja, auch das erfordert Mut, denn in den heutigen Zeiten ist das ja fast ein Tabuthema. Und dabei war sie doch gar nicht so alt, vor allen Dingen, wenn sie von einer Lebenserwartung von 100 ausging…
Am Ende war übrigens alles ganz einfach. Das zweite Zimmer wurde nicht gebraucht. Und die Entscheidung ein Appartement zu buchen, stellte sich als durchdacht heraus, denn so konnten sie am nächsten Vormittag beide arbeiten, ohne sich gegenseitig zu stören.
Getrennt und doch nah beieinander. Eine interessante Erfahrung, dieser Wissensdurst ist auf jeden Fall gestillt🥳




