
Feldversuch
29. Oktober 2023
„Watt mutt, dat mutt“
11. November 2023Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung
So heißt ein Roman von Eric Malpass. An den Inhalt erinnere ich mich schon längst nicht mehr, aber der Titel taucht immer mal wieder in meinem Hirn auf. Wunschdenken?
Ist morgens um 7 wirklich all das in Ordnung, was abends vor dem Schlafen gehen in Unordnung war? Unschön? Unrichtig? Heilt die Nacht nicht nur alle Wunden, sondern stellt mit einem Fingerschnippen eine neue Welt her? Oder eine alte Welt in neuem Gewand, ein bisschen so wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier?“
Nein, ich finde nicht, dass heute Morgen kurz vor sieben, in meiner winzigen Welt, alles in Ordnung ist.
Mein Sohn hat immer noch ein Haus, welches eine Bruchbude ist, aber vom Makler als „frisch saniert“ verkauft wurde. Gestern Abend ist er knapp einer Rauchvergiftung entkommen. Der angeblich neue Ofen im Wohnzimmer wurde zum ersten Mal angeschürt und rauchte wohl aus Löchern und Ritzen, die normalerweise nicht zum Rauchabzug vorgesehen sind. Ich bin mir sicher, dass dieses Problem jetzt, kurz vor sieben, immer noch besteht…
Eine meiner Freundinnen ist immer noch fristlos gekündigt, weil sie sich vehement für das einsetzte, was sie nach Gesetz für ihre Aufgabe hielt. Über Nacht ist weder die Kündigung zurück genommen worden noch wurden Schmerzensgeld für die mit der Kündigung verbundene Seelenqual noch Entschädigung für den damit verbundenen Rufmord gezahlt. Tja.
Eine andere Freundin von mir bekommt heute um sieben immer noch nicht das, was ihr gestern vor Mitternacht verwehrt wurde. Obwohl dieses Verwehren Ihres Begehrens ganz klar den Compliance-Regeln ihrer Firma widerspricht. Und das schon seit mehr als drei Jahren.
Ist es heute früh für den Mann in Ordnung, dass ich nach einem unverbindlichen Treffen klar sagte, dass ich keinen Gelegenheitssex mit ihm möchte? Wird mein „Nein“ ohne Wenn und Aber, sprich Erklärungen, akzeptiert werden? Ich muss doch auch der Hühnersuppe im Lokal nicht erklären, warum ich an diesem Tag „Tomatensuppe“ vorziehe. Es ist doch keine Wahl gegen etwas, sondern für etwas anderes! Klar, abgewiesen werden, zurückgewiesen werden, ist unschön, weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber manchmal, solche Fälle soll es geben, hat es gar nichts mit einem selbst zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit dem Gegenüber. Hier wäre tatsächlich ein Perspektivwechsel angebracht.
Ist meine „Selbstsabotage“ von gestern heute vor sieben vergessen? Ich fürchte nicht, zumindest nicht bei mir, auch wenn ich seit gestern Nachmittag über die betreffende Episode herzlich lachen kann. War in dem Moment auch trotz allen Unbehagens wirklich komisch. Drehbücher, die das Leben schreibt.
Ist die Welt morgens um sieben in Ordnung, wenn sich nach mehr als einem Jahr jemand meldet, mit dem ich, höflich ausgedrückt, im Unfrieden auseinandergegangen bin, er jetzt aber mindestens meine Zeit zum Zuhören, wenn nicht noch mehr von mir braucht? Seine Welt ist bestimmt heute Morgen genauso in Unordnung wie gestern vor Mitternacht…
Meine ist dagegen in diesem Punkt noch in Ordnung, hier trifft der Romantitel tatsächlich zu, weil ich noch nicht wirklich weiß, um was es geht und ich ein bisschen Neugierde empfinde. Naja, vielleicht auch Schadenfreude. Vielleicht auch Bedauern, denn wie ich heute Morgen beim Abhören einer Sprachnachricht erfuhr, hätte ich mit meiner Zeit auch etwas anderes anstellen könne. Jetzt habe ich die Qual der Wahl, aber nur kurz, denn ich fühle mich an mein Wort gebunden.
Die alte Geschichte mit dem „Wer A sagt…“. Spannend, wie alte Glaubenssätze immer noch nachwirken, auch wenn ich diese schon längst als eben „nur“ Glaubenssätze enttarnt habe.
Vielleicht bin ich später ganz mutig und sage den Termin ab? Lasse einen Hilfsbedürftigen, ist er das überhaupt oder nur eine Interpretation von mir, im Regen stehen? Bildlich gesprochen? Interessanter Gedankengang. Werde ich später beim Bügeln darüber nachdenken, ob ich heute einfach meine Meinung ändere, über meinen hohen Schatten springe und mich spontan für B entscheide. Und natürlich gibt es auch noch die Möglichkeit C => nämlich keins von beiden. Möglichkeit D => beide, aber nacheinander. Das Leben ist voller Wahlmöglichkeiten.
Will mir das vielleicht der Titel „Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung“ sagen? Nutze Deine Möglichkeiten? Aktiv sein statt passiv auf ein Wunder, eine Spontanheilung warten?
Inzwischen ist es nach sieben, fast hell und mein Magen knurrt. Auf zum Frühstück, wo ich schon wieder die Qual der Wahl habe bei den Marmeladen, Käse oder Wurst, Honig. Die beschweren sich wenigstens nicht, wenn ich danebengreife und mich dem „Nachbarn“ zuwende. Wie geschrieben: „Kein gegen etwas, sondern für etwas anderes!“ Dieses Satz macht mein Leben inzwischen tatsächlich leichter.🥳




