
Gutschein
5. Februar 2023
Schreibwettbewerb – Beitrag
19. Februar 2023Was ist gerecht?
Wer bestimmt, was gerecht ist?
Was hat das mit mir zu tun? Alles 😊
Nehme ich die Antwort vorweg? Nein. Teilweise. Vielleicht.
Ausgangslage für diese und ähnliche Fragen waren zwei verschiedene Sachverhalte:
- Einer meiner Mieter bekommt eine Komplettsanierung seines Bades ohne dafür mehr Miete zahlen zu müssen. Die anderen Mieter bekommen dafür => nichts!
- Ich stelle mein Testament neu auf. Meine Nichten und Neffen sollen Vermächtnisse erhalten. Mein Kind sagt: „Das ist ungerecht, ich bekommen von denen (gemeint sind deren Eltern) => nichts.“
Beide Fragestellungen, eigentlich immer dieselbe, nämlich „Ist mein Verhalten gerecht?“ haben mich tage- und wochenlang umgetrieben.
Bei Fall Gestaltung „Bad“ war die Antwort recht schnell klar, nämlich „nein“. Es ist nicht gerecht, aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht anders machbar. Das diese Antwort nicht unbedingt Frieden im Haus bringt, ist abzusehen. Aber bei diesem Sachverhalt ist mein Standpunkt inzwischen klar und auch nicht verhandelbar:
Wem es nicht passt, kann ausziehen. So einfach kann eine Lösung tatsächlich sein.
Die Sache mit den Vermächtnissen war für mich deutlich schwieriger zu lösen, den dazu musste ich alte Handlungs- und Denkmuster verlassen. Und das ist, zumindest bei mir, ja immer so eine Sache.
Grundsatz und nicht verhandelbarer Standpunkt in meiner Kernfamilie:
Ich kann mit meinem Geld machen, was ich will. Kein Sparen für den Erben, ausgeben, verprassen, was auch immer!
So weit so gut. Gilt das auch für die Zeit nach meinem Tod? Interessante Fragestellung. Könnte mir egal sein, ist es aber nicht. Ich habe festgestellt, dass ich nach meinem Tod die Menschen in meiner Familie mit einem kleinen Beitrag unterstützen möchte, die von ihrem Elternhaus vielleicht nur ganz wenig erwarten können. Ohne gleich „Erbtante“ zu spielen bei meinen Nichten und Neffen, insgesamt neun. Mir ist es, auf einer anderen Ebene, wichtig, nach dem Grundsatz „Eigentum verpflichtet, Art. 14 GG“ zu leben.
Ist es gerecht ein mögliches Erbe meines Kindes zugunsten von Verwandten zu schmälern ohne das ihm ein entsprechender Anspruch bei denen zusteht? Ja, meiner Meinung nach schon. Denn was bedeutet Gerechtigkeit eigentlich? Lt. Definition im Grundsatz das Verhalten eines einzelnen Menschen, welches subjektiv als gerecht angesehen wird. Und aufgrund dieser Definition bin ich plötzlich sehr bei mir selbst. Ich bestimme/ definiere, was „gerecht“ ist. Sehr schön, aber grau ist alle Theorie.
Denn da ist noch die Frage zu klären, was ich persönlich als gerecht empfinde. Und da wurde es plötzlich sehr schwierig für mich. Ist es gerecht allen denselben Betrag x zu vermachen, auch wenn zwei ganz offensichtlich den Kontakt mit mir, der Tante, ablehnen?
Auf dem 90. Geburtstag meines Vaters bekam ich nicht einmal ein „Hallo“. Tja, können diese Kinder aufgrund meiner komplizierten Geschichte mit meiner und somit auch ihrer Ursprungsgeschichte etwas dafür? Hm, naja, aber sie sind über 18. Ja, sie können etwas für ihr Verhalten, das Ignorieren meiner Person! Definitiv! So, und nachdem das geklärt war, wurden die beiden aus dem Verzeichnis der Vermächtnisse gestrichen. Tat weh, war aber auch sehr befreiend.
Dann guckte ich mir die Kinder meiner anderen Schwester an: Wie hatten die sich am selben Tag mir gegenüber verhalten? Gegrüßt, aber ansonsten ignoriert, drei von vier. So, was mache ich damit? Wie ist die Altersstruktur? Ah, die Jungs sind „ausgewachsen“, haben beide einen Beruf, okay, Zuwendung gekürzt. Schmerzte ein bisschen, aber auch hier fast sofort ein Gefühl der Befreiung. Das eine Mädchen ist mein Patenkind, noch in Ausbildung, okay, Beruf , in dem sie immer weniger verdienen wird als Männer, Betrag X der Jungs mal zwei, sozusagen xx. Passt.
Dann ist da noch meine Lieblingsnichte. Das junge Mädchen, das vor zwei Jahren spontan kam als ich beide Arme in Gips hatte und zweimal eine Woche lang für mich kochte, Fahrdienste leiste etc. Bekommt 3x. So, auch geklärt. Es wurde immer leichter. Die Kinder meiner dritten Schwester sind noch minderjährig, auch hier wurden von mir relativ schnell passende Summen gefunden. Ich war und bin zufrieden mit mir selbst, wichtig.
Und dann wurde es sehr spannend für mich, denn ich hatte Feuer gefangen, Blut geleckt, es ließ mich nicht mehr los, die Sache mit den Vermächtnissen. Und so stehen in meinem Testament jetzt auch drei „Fremde“, mit einer winzigen Hinterlassenschaft bedacht, getreu dem Motto „Freunde kann ich mir aussuchen, Familie nicht!“
Dieses Testament ist eine Momentaufnahme und kann jederzeit (kostenpflichtig) geändert werden, sobald ich meine, dass die eine oder andere Verfügung nicht mehr passt. Mir ist es tatsächlich wichtig, dass mein Nachlass geregelt ist, auch wenn ich die 100 anpeile 😉
Mitgenommen habe ich aus diesen beiden „Geschichten“ die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit tatsächlich für jede/n etwas anderes bedeuten kann. Dessen war mir am Anfang dieser Woche nicht bewusst. Ein salomonisches Urteil kann demnach genauso ungerecht sein wie die Entlohnung der Arbeiter im Weinberg des Herrn, vgl. Matthäus 20, 1-6, als gerecht angesehen wird




