
Leben schreibt Geschichten
11. November 2022
In eigener Sache
21. November 2022Das ist zumindest das Motto meiner Gewerkschaft, der bfg.
Ja, Gewerkschaften brauchen Menschen. Denn Gewerkschaften sind ursprünglich nichts anderes gewesen als Zusammenschlüsse von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel wie z.B. mehr Lohn oder Gehalt, kürzere Wochenarbeitszeiten etc.
Gewerkschaften brauchen Menschen, klar. Zum einen als Funktionäre, zum anderen als Masse, die die Funktionäre und ihr Auftreten legitimieren. So verstehe ich das zumindest.
Gewerkschaften sind hierarchisch strukturiert, meine zumindest. Auf den Ortsverband folgt der Bezirksverband, dann der Landesverband und schließlich der Dachverband.
Und alle brauchen Menschen. Aber was für welche?
Gehorsame, phantasielose, obrigkeitshörige, passive Menschen? Oder doch ganz andere? Solche, die meinen, dass knapp 150 Jahre Berufsbeamtentum heutzutage anders gelebt werden sollten? Ohne vorauseilenden Gehorsam, ohne den gesunden Menschenverstand bei Eintritt abzugeben?
Mitglieder, die zufrieden sind, wenn sie für ihren Beitrag eine Zeitung und ab und zu etwas zu essen bekommen? Oder doch eher welche mit Ideen, Visionen und Ansprüchen über das kostenlose Essen hinaus? Bei mir im Amt bekommt jeder eine Leberkäs-Semmel, der am Ausgabestand die Hand ausstreckt.
Wozu also beitreten? Solidarität? Etwas bewirken wollen? Warum bin ich eigentlich dabei? Was hatte ich mir bei meinem Eintritt gedacht? Was mir erhofft? Schulterzucken, zu lange her.
Ich weiß nur, dass meine Anträge seit mehr als einem Jahr beharrlich ignoriert werden. Auch auf der Tagesordnung für die geplante Versammlung im Dezember fehlt mein Antrag, im Grunde keine Überraschung. Jedes Mitglied hat das Recht Anträge zu stellen.
Liegt es daran, dass ich, symbolisch gesprochen, als Frau kein Glied habe? Ist es einfach nur Vergesslichkeit des Vorsitzenden oder wird hier schlicht eine persönliche Auseinandersetzung fortgeführt, die im Personalratswahlkampf 2021 ihren Höhepunkt fand?
Kann es sich heutzutage eine Gewerkschaft erlauben das Anliegen einer Frau, meins, einfach so durch Nichtbeachtung unter den Tisch fallen zu lassen? Ich fürchte ja, persönliche Folgen sind für den amtierenden Vorsitzenden nicht zu erwarten!
Ist meine Gewerkschaft eine, die für die Rechte alle Gewerkschafter eintritt, unabhängig vom Geschlecht? Ortsverbände haben eine gewisse Selbstständigkeit, aber der Vorsitzende ist kein Alleinherrscher, es gibt einen Stellvertreter, einen Vorstand. Warum ducken die sich alle weg? Ich habe meinen Antrag nämlich nicht nur dem Vorsitzenden geschickt. E-Mail kennt durchaus cc. Der Weg des geringsten Widerstands? Werden meine Anliegen so geringgeschätzt?
Worum geht es überhaupt, vielleicht liegt da ja die Krux begraben? Ich möchte, dass verbindliche Regeln für die Gestaltung der nächsten Wahlliste für die Kandidatur zum örtlichen Personalrat aufgestellt werden. Vorher. Jetzt, nicht erst zwei Tage vor der Wahl. Parität gelebt wird und nicht ein „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Und schon steht der aktuelle Vorstand des Personalrats an erster Stelle auf der Vorschlagsliste. Mal wieder. Obwohl es doch angeblich eine reine Personenwahl sein soll. Wenn dem so wäre, warum wird dann so vehement an den ersten Plätzen festgehalten? Allen Einwänden zum Trotz?
Will ich zu viel im Jahr 2022? Begreifen die weißen alten Männer im Vorstand nicht, dass ein „weiter so“ die Gewerkschaft weibliche und andere Beitragszahler kosten kann?
Ich kann bei jeder Frage nur mit den Schultern zucken, auch Sport.
Bei der nächsten Versammlung soll ich für mehr als 25-jährige Treue geehrt werden. Für mich inzwischen, siehe oben, eher ein Anlass zu gucken, ob ich dort überhaupt noch richtig bin, ob diese Gewerkschaft tatsächlich noch „meine“ ist. Vielleicht passen wir nach all der Zeit einfach nicht mehr zu zusammen.
Und statt „Silberhochzeit“ zu feiern, sollte ich vielleicht eher die Scheidung einreichen!
P.S.: Nachdem ich beim Bezirksvorstand ‚Beschwerde einreichte‘ gibt es jetzt eine neue Tagesordnung. Ein schaler Sieg.
P.P.S.: Ich habe tatsächlich die Scheidung, meinen Austritt, eingereicht und fühle mich wie befreit!




