Wut und andere Emotionen

Nicht nur Heldinnen

28. Mai 2023

Arbeit?

4. Juni 2023

Nicht nur Heldinnen

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Triggerwarnung: Kann Spuren von Gefühlen enthalten

Text eine Woche alt, immer noch aktuell

Genug ist genug! In mir brodelt es, gewaltig. So heftig wie schon seit Jahren nicht mehr, wahrscheinliche eher Jahrzehnten!
Komisch, wie tatsächlich ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen kann. Aber jetzt reicht es mir.

Was war geschehen? So genau weiß ich es selbst nicht, hier der Versuch einer Rekapitulation:

Angefangen hatte es damit, dass ganz sachlich mein Buch kritisiert wurde, weil es oberflächlich sei, keine Gefühle zeige. Richtig, aber ich hatte auch keine Gefühle versprochen, sondern nur autobiographische Geschichten. Aber der Mann hatte recht, das ist genau das, was mich selbst an meinem Buch stört, ohne es bis dahin genau benennen zu können. Er hatte den Finger in die Wunde gelegt, er bohrte zu seinem Glück nur ein bisschen darin rum. Kann frau mit leben, ist schon Schlimmeres gewohnt gewesen. Ich weiß, was er meint, und kann es zukünftig besser machen.

Schade nur, dass mein Lektor nicht so klare Worte gefunden hat. Denn mit seiner Beschreibung meines Werkes konnte ich wenig anfangen, was natürlich an mir liegt. Was sagte er nochmal genau, naja sinngemäß „Ihre Belletristik ist gut, aber ihre Geschichten sind nur Nacherzählungen von Erlebnissen.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Seine Erklärungen auf mein Nachfragen waren mir zu schwammig. Trotzdem oder gerade blieb ein Gefühl der Unzulänglichkeit.  

Gestern teilte mir jemand im Dating-Portal mit, dass ich seiner Meinung nach an einer mindestens mittelgroßen psychischen Störung leiden würde, weil ich nicht sofort und mit Begeisterung auf sein Angebot einer Verabredung eingegangen bin. Warum sollte ich? Ich hatte schon etwas vor, unaufschiebbar, und teilte aus meiner Sicht ganz nett mit, dass ich Termin A nicht wahrnehmen könne. Gleich wurde ich gedrängt für Termin B oder C zuzusagen. Ich mag es nicht gedrängt zu werden, ich hatte mit dem Mann letztes Jahr schon einmal Kontakt, mir gefiel sein Profil nur partiell, also warum sollte ich sofort zusagen? Ich bat mir Bedenkzeit aus. Allerdings nicht mit diesen Worten, aber der Sinn war mehr als klar – für mich. Das passte dem Herrn nicht, denn umgehend kam der Hinweis auf meine Störung, für mich war es genug. Ich teilte kurz und knapp mit, dass ich kein Interesse mehr hätte. Worauf mir dann, wie im Kindergarten, von ihm mitgeteilt wurde, dass er mir doch zuerst das Interesse entzogen habe…
Was bildet der sich eigentlich ein? Aber es nagte an mir. Ich wollte nett und höflich sein, niemanden verletzen, aber mein Gegenüber sah das Ganze anders. Er empfahl mir mein Buch zu nehmen und damit in die Welt zu ziehen. So allein, ohne Kontext, empfinde selbst ich den Satz fast lustig und muss lächeln, aber es gab ja Kontext und Worte drum herum. Sein gutes Recht, aber wo bleiben da die Manieren? Seine Worte gingen unter die Gürtellinie und sollten das anscheinend auch. Getroffen, versenkt noch nicht ganz, aber nur knapp daneben.

Der Tropfen war dann die Frage eines Bekannten, ob ich ihn vermissen würde. Was ist das für eine Frage? Rein rhetorisch, also keine Antwort gewünscht? Dann hätte er sich die Frage auch sparen können. Denn natürlich wollte er eine Antwort, das haben wir inzwischen geklärt. Nachdem ich ein „ja“ nicht geben konnte und ein „nein“ nicht geben wollte. Wie kann Mann auch solche geschlossenen Fragen stellen? Ich habe rumgeeiert, eine Menge Worte gebraucht ohne eine klare Antwort zu geben. Und was lese ich dann, übersetzt? Ich könne mir meine Worte für mein Buch aufsparen. Was soll das denn? Wird mir hier das Reden verboten? Ich lasse mir den Mund nicht mehr verbieten so wie Penelope durch Ihren Sohn. Ich habe es auch satt, dass mir andere Menschen, vernehmlich Männer, vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe.

Ich bin eine singuläre Frau. Ich bin für mich allein verantwortlich. Warum meinen andere mir ungebetene Ratschläge erteilen zu müssen, mich zu disziplinieren, wenn ich nicht agiere, wie erwartet? Was ist das? Warum nehme ich das hin?

Beim Putzen hatte ich genug Zeit darüber nachzudenken, auch über eine Bemerkung der sog. „Weißen Hexe“. „Sie erlauben es sich nicht wütend zu sein, die Wut rauszulassen!“ Und das stimmt. Gefühle waren in meiner Herkunftsfamilie Mangelware, vorhandene mussten versteckt werden, in dem Bereich hatte ich unsichtbar zu sein. Ob das tatsächlich so war, ist irrelevant, entscheidend kommt es darauf an wie es mir als kleinem Kind, als Jugendliche, Ehefrau, Mutter vorkam. Ich kann mich nur an einen Fall als Jugendliche erinnern als ich so wütend war, dass ich tatsächlich einen Gegenstand, ich glaube es war ein Federmäppchen, an die Tür meines Kinderzimmers warf. Voller Wucht, voller Wut. Danach ging es mir besser! Später in meiner Ehe gab es einen vergleichbaren Zwischenfall. Nur einen, eindeutig zu wenig, rückblickend betrachtet.

Während mein Kind nach dem Tod des Vaters seine Wut mit dem Vorschlaghammer an sehr vielen Gegenständen ausließ, konnten mich solche Handlungen nicht von meiner Wut befreien. Wut auf meinen verstorbenen Mann, definitiv, aber auch auf mich selbst, weil ich das Spiel so lange mitgespielt hatte.

Ich war und bin verletzt, weil die Langzeitaffaire sich scheinbar nicht für mein Buch interessiert. Aber habe ich das jemals gesagt?  Oder der Chiffre ins Glück, der den Teil von mir, der sich mit Schreiben befasste, so völlig ignorierte? Da war ich enttäuscht, Enttäuschung ist ein Gefühl. Trauer empfand ich, Enttäuschung, aber Wut/Zorn?

Was war das für ein Gefühl als der Witwentröster zu mir sagte „Sex, war das überhaupt Sex?“ Er sagte noch mehr, aber auch heute mit dem Abstand der Jahre kann ich gerade mal diese Worte zitieren. Die sich mir wirklich einbrannten und mir bildlich gesprochen den Boden unter den Füssen wegzogen. Scham, auf jeden Fall! Scham ist eine sehr mächtige Emotion, zumindest bei mir. Minderwertigkeit, das Gefühl nicht genügt zu haben, was ich im tatsächlichen Sinn ja auch nicht hatte.

Scham aufgrund der Reaktion eines anderen Mannes nach dem Sex. Warum eigentlich? Warum empfinde ich Scham darüber, wenn es beim Sex nicht klappt? Muss ich mir wirklich diesen Schuh anziehen? Allein? Wo kommt die her? Die Erwartungshaltung, die ich ja irgendwo aufgesogen haben muss. Dass es Aufgabe der Frau sei den Mann zufrieden zu stellen. Wenn ich das so schreibe, muss ich lächeln, aber es ist ja nicht lächerlich, sondern ernst. Bitterernst.

Angst vor weiteren Peinlichkeiten und Versagen lähmt mich, wenn es um einen ganz bestimmten Mann geht. Warum? Das Nachdecken darüber hat mich inzwischen schon ganze Wochen und Monate nächtelang wachgehalten, ich kenne die Antwort, nämlich Angst vor dem Verlassen werden. Unbegründet und irrelevant, aber vorhanden. Es ist im Leben eben nicht alles rational und trotz Therapie habe ich es nicht geschafft mich dieser ganz speziellen Angst zu stellen. Und dabei bin ich doch sonst so mutig! Ich müsste nur mal mit dem Menschen reden, aber das sagt sich so einfach. Ich müsste sagen, was ich !! möchte, mich in die Mitte des Daseins, des Gespräches stellen, aber genau das ist für mich bis heute immer noch ein Ding der Unmöglichkeit. Er hat einen Platz in meinem Herzen, klein, aber sein. Wäre das nicht so, er einfach nur ein durchlaufender Posten und somit austauschbar, wäre das Ganze viel einfacher… Gefühle sind Scheiße, manchmal.

Ich habe Angst mich lächerlich zu machen. Der Spruch „Du verhältst Dich wie eine pubertierende 14-Jährige“ hatte mich damals tief getroffen, obwohl mir noch nicht einmal klar war, was der Satz bedeuten sollte. Heute weiß ich es besser, erkenne durchaus die Chance, die in diesen Worten liegt, und bin spontan genug diese ab und zu zu ergreifen. Aber fühle mich trotz allem immer noch verletzt. Der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist anscheinend nur bedingt gültig.

Und so sitze ich jetzt eine Woche später wieder über dem Text und spüre tatsächlich die Macht der Emotionen, die da drinstecken. Und frage mich, ob eine Veröffentlichung klug ist. Meinen Frust, Frustation, auch ein Gefühl, habe ich gerade gegoogelt, sichtbar zu machen. Will ich immer klug sein? Nein!