
60. Jahre
11. September 2022
Sonntagnachmittag
18. September 2022Der gekränkte Mann von Tobis Haberl
Zeit in Nürnberg ohne Ende, Maria Himmelfahrt, evangelisch, sonst keine Verpflichtungen. Die ideale Ausgangslage für ein ausführliches Stöbern im ersten Buchladen, der so aussah als wenn er Bücher auch verkaufen würde 😉
Schnell wurde ich fündig, feministische Literatur. Und dann stand da dieses Buch an exponierter Stelle: Der gekränkte Mann. Hoppla, was ist denn das? Klappentext durchgelesen, mitgenommen und auch relativ zeitnah angefangen zu lesen. Je weiter ich kam, desto ungläubiger wurde ich. Durch. Und jetzt?
Was hatte ich da gelassen!? Hatte ich tatsächlich das gelesen, was ich zu lesen glaubte?
Hm, ich hatte zwar noch andere Bücher, die auf meine Augen warteten, aber ich begann noch einmal von vorn. Dasselbe Bild des Jammers! Der Autor ist Mitte vierzig, definiert sich als Mann und fühlt sich gekränkt. Gekränkt vom Feminismus, gekränkt vom Generalverdacht ein „alter weißer Mann“ zu sein. Wir erinnern uns, mit dem Begriff „alter weißer Mann“ wird auch und zunehmend überwiegend eine Geisteshaltung beschrieben, denn die „echten“ alten weißen Männer sterben langsam aus. Okay, Putin und Trump noch nicht, aber die lasse ich einfach mal links liegen.
Einerseits begrüßt der Autor den Feminismus, denn Frauenrechte sind Menschenrechte. Feminismus gibt auch Männern durchaus mehr Handlungsspielraum. So weit, so gut. Dass er für seine Erziehung, die Schullektüre etc nichts kann, geschenkt.
Aber, wenn er ausführt, dass ein 80 jähriger Rentner mit dem neuen Bestellcomputern bei MC Donalds nicht zurecht kommt und dafür das Mitgefühl des Lesenden braucht, dann bekomme ich Bauchschmerzen. Denn ich denke dann automatisch an die 80 jährige Rentnerin, die sich mangels weiblicher Altersarmut kein Essen beim MC Donalds leisten kann!
Das Buch bietet unbestritten gute Ansätze und Betrachtungen zu den „Männern“, die sich untereinander so unterscheiden können wie Männer von Frauen. Ansätze, um wirklich die Menschen mitzunehmen, die sich im und mit „Feminismus“ nicht wohl fühlen, denn das können durchaus auch Frauen sein oder non-binäre Personen. Wäre das Buch deutlich kürzer, eher eine Betrachtung als eine Verteidigungsschrift, dann hätte ich vielleicht auch mit einen Autor Mitleid, der jammert, weil Margarete Stokowski ihm nach einem Feature über sie nicht den Kopf tätschelt. Bissig? Vielleicht.
Für mich wurde hier eine Chance vertan!




