
Trophäe „Romance“
20. Mai 2024
Lucie
28. Mai 2024Weite Kreise ziehend
Ja, so hieß und heißt mein erstes Buch. Und es hallt noch immer nach, gewaltig. Das hätte ich mir damals, vor fast zwei Jahren, nie träumen lassen. Ein Nachhall, der so weit in die Zukunft reicht.
Nachhall dergestalt, dass meine Mutter den Kontakt mit mir abbrach, weil sie angeblich in dem Buch so schlecht wegkommt. Nachhall dergestalt, dass mein Vater mir Anfang dieses Jahres in meinem Elternhaus Hausverbot erteilte. Offiziell, weil meine seit Jahren von ihm getrenntlebende Mutter es nicht will, dass ich mich in ihrer ideellen Hälfte des Hauses aufhalte. Aber vielleicht ist auch er von meinem Buch angepisst, ich dachte wir hätten über die betreffende Textstelle besprochen und alles geklärt. Mein Kind hatte es ihm auch mehrfach erklärt, dass „ein kleines Vermögen“ nicht seine Lebensleistung schmälert, sondern im Grunde Tatsache ist. Nun ja. Ich dachte und denke ich komme mit diesem Nachhall zurecht, aber ich habe mich geirrt.
Am 24.05.2024 war Ehemaligentreffen meines Abiturjahrgangs in der Nähe meiner alten Schule, also gaaaanz weit weg von meinem jetzigen Lebensmittelpunkt. Will ich da wirklich hin? Ich überlegte lange, obwohl die richtige Antwort von Begin an ein klares „Jein“ war. Aber auf dem Weg nach Winsen/Luhe hätte ich die Möglichkeit mit der lieb gewonnenen Graphikerin meines Covers zu plaudern, mich mit ihr über unser Leben seit meinem letzten Besuch auszutauschen, zu meinen neuen Projekten wie den „Ayla Richter Froschkönigin Award“ ihren Rat einzuholen, genauso wie zu meinem aktuellen Buchprojekt. Und sie ist definitiv eine Reise wert. Genauso wie eine andere Freundin, die ich in meiner Zeit im Flensburger Finanzamt kennen und schätzen lernte. Und somit wäre ich ja schon fast da, nur noch 100 km vom Abitreffpunkt entfernt.
Nach langem innerlichen Hin und Her beschloss ich mich auf die Reise zu machen und buchte ein Hotelzimmer für Nacht eins und ja, auch für die Nacht nach dem Abitreffen. Komisch war es schon, so dicht bei meinem Vater und nicht einmal ein „Hallo“ geplant. Die Verletzung durch das Hausverbot sitzt sehr tief, zumal er nicht den Schneid hatte mir das selbst zu sagen, sondern sich dazu seines Enkelkindes bediente. Feigheit vor dem Feind, schreibe ich da nur. Obwohl ich nicht der Feind bin, sondern seine Tochter! Wie seit mehr als 60 Jahren. Der Unterschied zu früher ist nur, dass ich nicht mehr schweige, sondern meine Geschichte erzähle mit allen Ecken und Kanten, dunklen Flecken und sowieso. Interessiert nur niemensch in meiner Familie! Aber ich schweife ab.
Das Treffen mit der Graphikerin war so voller Herzlichkeit, gegenseitigem Respekt, Spaß und Freude. Es tat mir gut, nicht nur wegen des vielen Inputs für meinen Projekte. Dieser Input wird mir gerade im Hinblick auf mein neues Buchprojekt, ja, auch das gehört zum Nachhall, ich will noch eins herausgeben und werde sogar aktiv danach gefragt, also: Es gibt Frauen, die wollen unbedingt mehr von mir lesen, unglaublich immer noch für mich, viel abverlangen. Ich muss über meinen Schatten springen und gegenüber Fremden für mich selbst eintreten. Für andere kann ich das wunderbar, nur bei mir selbst habe ich immer wieder Schwierigkeiten damit. Ich habe nämlich noch sehr viele Teile in mir, die die Botschaft enthalten, dass ich, Isa, Aufmerksamkeit, Liebe und Fürsorge nicht wert sei. Alte Glaubenssätze mit fatalen Folgen für meine Zukunft, wenn ich es nicht schaffe, mich davon endgültig zu lösen.
Das Treffen mit meiner „Flensburger Freundin“, auch wenn diese dort schon lange nicht mehr lebt, war ähnlich produktiv und anstrengend auf eine angenehme Art. Frauen, die sich freuen mich, Isa, zu sehen.
Die letzten 100 km zum Abitreffen waren lang, Verkehrsstaus/ Umleitungen. Gedanken ans Umkehren verbot ich mir. Die Ferienwohnung am Zielort war nett, viel zu teuer für eine Nacht aber egal. Ein Hotelzimmer war nämlich in der Nähe einfach nicht buchbar gewesen. Ich war wieder da, im Ort meiner Schulzeit, und war es doch nicht. Das Lokal lag am Bahnhof, wie oft war ich dort vor 40 Jahren plus x in den Zug ein- oder ausgestiegen? Rhetorisch, die Frage.
Ich war neben den Organisatoren eine der ersten dort, und sah sehr viele so nach und nach Eintreffen. Erkannt habe ich gerade mal zwei oder drei. Wie waren die (fast) alle alt geworden! Erschreckend! Gerade die Männer. Wo waren die Jungs, für die ich gelegentlich, in grauer Vergangenheit, mal geschwärmt hatte? Verschwunden, fast alle. Es war unheimlich. Das “Vertraute“ stellte sich in wenigen Fällen nach und nach wieder ein, aber sehr wenige Fälle.
Dafür sagte einer zu mir “Du warst damals immer so unscheinbar, ich kann mich kaum an Dich erinnern“ Tja, so war das damals. Und da es bei den meisten keine Wiedererkennung gab, war ich trotz Anwesenheit fast unsichtbar. Merkwürdige Situation. Unangenehm, aber nicht nur. Beobachterrolle. Viele von denen, die da waren, wohnten noch in der Gegend oder wieder, so dass sie sich im realen Leben ab und zu begegneten, gewisse Vertrautheit also da war, Wiedererkennung…
Ich dagegen war unter „langweilig“ und „unsichtbar“ abgespeichert, hm. Tat ein bisschen weh, überraschte mich aber auch nicht wirklich. Denn genauso war es ja damals gewesen. Ich war Teil eines Trios und meine Freundinnen die sichtbaren, beliebten. Wollte ich das Bild von mir ändern? Wenn ja, musste ich die Aufmerksamkeit meines Gegenübers ja nur lange genug fesseln, um etwas aus meinem jetzigen Leben zu erzählen. Machte ich dann auch ab und zu, meistens fühlte ich mich aber eher wie ein heimlicher Zaungast.
„Du übernachtest heute bei Deinen Eltern?“ Diese Frage beantwortete ich wahrheitsgemäß damit, dass ich dort Hausverbot habe. Diese Antwort schockierte im Regelfall mein Gegenüber und führte zu betroffenem Schweigen. Hätte ich diese Wahrheit beschönigen sollen? Weitermachen wie all die Jahre vorher? Etwas schön aussehen lassen, was aber in Wahrheit zumindest an einigen Stellen dunkel und hässlich ist? „Du sollst deine Eltern lieben und ehren“. Was aber, wenn das aus verschiedenen Gründen nicht mehr geht?
Ein wirklich interessantes Gespräch hatte ich dann an dem Abend tatsächlich mit einem schwer depressiven Mitschüler, Kettenraucher, halbwegs nüchtern, der von seiner Kindheit erzählte. Von Schlägen und anderen Verletzungen. Dieser Mann konnte nachvollziehen, wie es mir geht mit dem Kontaktabbruch. Dem hin- und hergerissen sein zwischen Konventionen und dem Bedürfnis nach Sicherheit für die eigne Seele. Und nein, wir haben keine detaillierten Leidensgeschichten ausgetauscht. Er sah mich hinter der Maske des Abends. Denn natürlich macht etwas mit mir, wenn sich Mitschüler und Mitschülerinnen „nur“ an meine Freundinnen erinnern, mich also über diese definieren und erkennen.
Eine kleine Anekdote noch am Rande, traurig im Grunde, denn sie zeigt auch, wie unser Berufstand in der Öffentlichkeit gesehen wird und was es mit den Einzelnen machen kann. Martin ist genauso lange wie ich beim Finanzamt, Sachgebietsleiter, wir hatten jahrelang Latein zusammen. Er drehte sich um, trat aus einem Gespräch heraus, um sich mir vorzustellen und zu begrüßen. Sagte seinen Namen mit einem strahlenden Lächeln. Ich wie aus der Pistole geschossen „Finanzamt“, stolz darauf, mir dies über so viele Jahre gemerkt zu haben. Sein Lächeln erlosch, abrupt drehte er sich um und ließ mich stehen. Tja. Ich kam nicht dazu ihm zu sagen, dass ich auch dort arbeite. Andere aus der Gruppe sagten dann später unaufgefordert zu mir „Einer muss den Job ja machen“. Aber auch hier hatte ich nicht wirklich die Chance zu sagen, was mein Brotjob ist. Und ich wollte es auch nicht mehr…
Was nehme ich von meiner anstrengenden, schönen, mit sehr vielen ambivalenten Gefühlen beladenen Kurzreise aus dem Norden mit rüber in mein tägliches Leben hier? Eine Menge Input, „Arbeitsaufträge“, Liebe und Fürsorge. Die Unsichtbarkeit habe ich hoffentlich dort oben gelassen, genauso wie das nagende Gefühl, doch noch meinen Vater aus Pflichtbewusstsein anrufen zu müssen. Ich bin wirklich stolz, dass ich meiner Sozialisation trotzen konnte. Dass ich es langsam schaffe mich von Menschen zu befreien, die mir nicht guttun, ich den Ballast meiner Vergangenheit Stück für Stück abwerfen kann, für ein neues leichteres Leben!
Ich kann und werde mich zum Teil neu erfinden, dabei hilft mir auch die Auslobung des „Ayla Richter Froschkönigin Awards“, eines Literaturpreises. Mein Kind mault, dass ich scheinbar nur Geld ausgebe, aber offensichtlich Nichts dafür bekomme. Meine spontane Antwort war „Seelenfrieden“. Seelenfrieden ist für andere unsichtbar, für mich überlebenswichtig. Ich emanzipiere mich inzwischen von so vielen Dingen. „Katastrophe mit Nachhall“, ja, deutlich und immer noch Kreise ziehend.




