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3. Februar 2024
„Die Patriarchen“
6. Februar 2024Zeit für Erinnerung
Heute ist der 6. Todestag meines Mannes Klaus Peter Richter.
Er starb an einem Sonntag, einem Tag mit sehr schlechtem Wetter, Minusgrade und extremen Schneefall. Sehr viel Schnee. Schnee schippen rund um die Uhr. Dreimal war er an diesem Tag schon draußen gewesen, als er so kurz nach 16.00 Uhr sich ein weiteres Mal auf den Weg machte. Ich saß im Wohnzimmer und schaute etwas fern. Daran kann ich mich noch erinnern. Und dann machte ich dies und das, dachte mir nichts dabei, dass er nicht wieder reinkam und „hallo“ sagte, schließlich wollten wir gute 4 Wochen später nach Norwegen mit dem Wohnmobil fahren und es gab darin immer etwas zu basteln.
Panik brach erst aus als um 18.57 Uhr die Heute-Nachrichtern angekündigt wurden, und mein Mann nicht da war. Diese Sendung verpasste er nie. Schlagartig war mir klar, da musste etwas passiert sein. Und das war es dann ja auch. Ich fand ihn leblos im Gäste-WC liegen, er war definitiv schon länger tot, denn der Körper war eiskalt. Und es war zu sehen, dass es kein leichter Tod gewesen ist. Herzinfarkt nach Schnee schippen, wie ich später hörte ein Klassiker.
Ja, sechs Jahre ist das her, dass ich frei bin. Frei von einer Ehe, die mich einengte, langsam erstickte. Aber in der auch mein Mann unglücklich war.
Mein Mann hätte mich nie gehen lassen, meine Ehe war die Hölle, auch wenn das für Außenstehende nicht so aussah. So taff wie ich bin, und dann zu Hause Terror? Wie passt das zusammen? Es geht, sage ich heute immer nur.
Das Bild von Klaus Peter zeigt ihn fröhlich während unseres Neuseelandurlaubs im Jahr 1996. Da war ich in der 24. oder 25. Woche schwanger und noch lastete keine Verantwortung auf seinem Schultern. Ich verdiente genug für mich selbst und er sowieso. Aber dann, mit Kind und Frau, die bestenfalls halbtags arbeitet?
Zurück in Bayern, Franken, in der Nähe seiner Kernfamilie, da wollte er hin, da veränderte er sich langsam, aber sicher. Heute weiß ich, dass ihn letztendlich das „Patriachat“ auf dem Gewissen hat. All das, was ihm genauso wie mir schon von Kindesbeinen an beigebracht wurde, wie ein Mann zu sein hat. Und natürlich eine Frau. Als wir uns in Flensburg kennenlernten, war vieles davon einfach in Vergessenheit geraten, aber hier? Erziehungsurlaub durfte er nicht nehmen. Allein auf die Anfrage hin wurde ihm damals mit Kündigung gedroht! Dabei hatten wir dies vorher für uns beschlossen. Was war das für ein Drama, und ich wähle bewusst das Wort, als ich bei der Gemeinde für einen Zuschuss für Mehrwegwindeln fragte. Für mich ganz normal, aber für seinen Chef (Beachte die Informationskette) war das unmöglich. Seine Angestellten verdienen genug und haben so etwas nicht nötig. Ich sah das anders und mein Mann mittendrin.
Er war tot und mir und unserem Kind ging es auf Schlag besser. Kann das sein? Ja! Ich bin eine glückliche Witwe! Ich lebe auf, weil er gestorben ist. Und trotzdem nagte da jahrelang „Schuld“ an mir.
Schuld, obwohl ich inzwischen unsere Umwelt, unsere Sozialisation für seinen zu frühen Tod verantwortlich mache. Weil wir beeinflusst werden. Mein Mann ist letztendlich an den Erwartungen der anderen gestorben, knallhart ausgedrückt.
Noch Anfang Januar 2018 hatten wir ein Gespräch darüber, dass er dringend zum Arzt muss. Er war übergewichtig und schwer depressiv, hatte einen deutlich zu hohen Blutdruck und schon seit seiner Jugend Probleme mit dem Herzen: Und trotzdem ging er nicht zum Arzt, weil er Angst hatte aufgrund von Krankschreibung und unweigerlich folgender Reha gekündigt zu werden. Völlig meine Worte ignorierend, dass ich genug für die Familie verdienen würde können. Ein Tod mit Ansage. Und trotzdem war es dann überraschend.
Überraschend für mich auch lange Zeit das Gefühl der Schuld, auch wenn ich mich diesbezüglich wiederhole.
Schuld, dass ich ein anderes Leben als früher lebe und ihm diese Möglichkeit verwehrt ist. Verwehrt aus einem falschen Männlichkeitswahn heraus. Aus Sprüchen, die uns ein Leben lang begleiten, die wir aber einfach nicht hinterfragen:
Der Mann ist der Herr im Haus.
Der Mann bringt das Geld nach Hause.
Es ist Pflicht des Mannes für seine Familie zu sorgen. Meinem Mann ist nie wirklich klar gewesen, dass wir auch nur von meinem Gehalt ein gutes Leben hätten führen können.
Schuld, weil ich nach seinem Tod so langsam benennen konnte, was bei uns zu Hause so abgelaufen war, so im Verborgenen, Psychoterror vom Feinsten.
Schuld, weil für den Erhalt des Geldes aus der Lebensversicherung ja erst einmal jemand sterben musste. Und nicht irgendwer, sondern Klaus Peter.
Schuld, weil ich so nach und nach seine Träume verkaufte. Nach meinen wurde fast nie gefragt…
Schuld, weil ich das Gefühl der Freiheit an jedem Tag meines Lebens genieße. Durch sein negatives Beispiel habe ich “Carpe Diem“ in den letzten sechs Jahren gelernt. Und damit kommt langsam das Gefühl der Versöhnung mit meinem Schicksal, mit seinem Schicksal, denn fast 30 Jahre lag waren diese beiden miteinanderverbunden.
Und ich kann ihm inzwischen vergeben. Denn mein Mann war kein Sadist, keiner, dem es Spaß machte andere zu quälen, sondern nur jemand, der mit sich selbst und der Welt, in der er lebte, nicht zurechtkam. Gestorben letztendlich wegen der Ansprüche der anderen und seinen eigenen daraus resultierend…
Und seitdem ich das klar für mich sehen kann, lässt meine imaginäre Schuld nach. Ich kann mich an die guten Zeiten erinnern, die gab es tatsächlich, vor allen Dingen, als wir in der Nähe von Flensburg wohnten. Weit ab vom gewohnten Umfeld. Nur wir und unsere Vorstellungen vom Leben. Da gehörte sein früher Tod definitiv nicht dazu.
So, und jetzt ist es Zeit für die Tränen.




