Farbe

„Perpetual Poetry“ Alexa Franca

2. August 2023

Was für eine Persönlichkeitsentwicklung

12. August 2023

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Bodypainting

Früher war sie eine graue, fast farblose Frau. Selten glitzerte und glänzte etwas an ihr. Sie konnte nichts Diesbezügliches an sich feststellen.
Aber seitdem sie Witwe ist, ein singulärer Mensch, wie sie sich gerne nennt, da treten die Farben in ihr Leben.

Erst zögernd, fast unbemerkt. Zaudernd, immer einen Schritt vor und mindestens einen halben zurück, aber vorwärts, auf jeden Fall. Gold wie die Sonne, aber ohne deren Wärme, auch eher nur ein kurzes Aufblitzen hier und da, im Dunkel ihrer tristen Umgebung. Keine Wärme, nur kalt, aber schillernd und gleißend. Dann kam das Rot und mit dieser Farbe die Wärme, die Umarmungen der Freundinnen, das langsame Aufwachen ihres Körpers. Die Wärme von Menschen, denen sie nie ein „Wärmesharing“ zugetraut hätte. Wärme, die zum Verweilen einlud, aber rot, wenn auch in Variationen, macht noch keinen Sommer, höchstens in letzter Konsequenz Dürre und flammende Hitze. Aber das wollte die ehemals graue Maus auf keinen Fall. Sie wollte blau, türkis, Wasserfarben, Ruhe und ein Sich treiben lassen, ohne die Gefahr Schaden zu nehmen. Ruhe, aber kein tiefes Grün, eher so ein helles wie die Blattspitzen im Frühling. So ein neugieriges „Schauen wir mal“ und wenn die Zeit noch nicht gekommen war, da an der Grenze zwischen Winter und Frühling, zwischen Tod, Starre und Wiedergeburt, ein sich wieder zurückziehen, zumindest aber verharren. Sie wollte gelb, ja, so ein sattes Gelb, so wie bei dem Cabrio, in welchem sie vor Jahrzehnten mal auf Teneriffa mitgefahren ist. Sattes Gelb. Wogende Weizenfelder, Sommer, Sonne kommen ihr bei der Beschreibung in den Sinn. Sattes Gelb wie irischer Cheddar, obwohl dieser oft einen Hauch von Orange halt. Orange, auch so eine Farbe, Morgengrauen statt Abendrot. Orange, ja, ab und zwischendurch, zu sommerlich, ließ sie bleich und krank aussehen, nicht ihrs.

Und dann die Zwischentöne, Anthrazit, zwischen Schwarz und Grau, dunkelgrau halt. Rosa, nein, lieber Pink, auch hier mag sie es etwas kräftiger. Weinrot, ja, so wie auf ihrem Logo, das hatte was. Der Designer sah ihr Logo in Gold, sah sie in Gold. Sie sah dagegen immer nur vergoldet, schöngefärbt, blendend, mehr Schein als Sein. Aber weinrot sagte ihr zu. Nein, kein Purpur, nicht das Rot der roten Teppiche, sondern ein gediegenes Rot, mit einem Stich blau dabei, nichts Aufregendes eher etwas Zurückhaltendes, weinrot halt. Aber das in aller Konsequenz!

Wie war sie überhaupt auf die Gedanken mit den Farben gekommen, dem Farbenspiel? Klar, ab und zu hatte sie sich durchaus über Farben Gedanken gemacht, wie zum Beispiel die Zimmer gestrichen werden sollten, in der neuen Wohnung. Aber das ging eher intuitiv ab. Die Favoriten wie blau und blau waren ja eh schon klar. Jetzt dachte sie seit Tagen an nichts anderes als an Farben und Körperbemalung, sprich Bodypainting. Ihr Geburtstagsgeschenk an sich selbst sollte es werden.

Sie hatte in der Vergangenheit so wenig Träume gehabt, zumindest konnte sie sich an so wenige erinnern, also das war wohl nicht ganz richtig, das mit dem keine Träume haben. Denn langsam ploppten die so nacheinander bei ihr und in ihren Gedanken auf. Bodypainting war einer davon. Vor wie vielen Jahren hatte sie erstmals davon gelesen, gesehen, gehört? Keine Ahnung. Aber im Hier und Heute, jetzt, wo sie dabei ist die letzte schwere Fußfessel abzustreifen, sich für die Zukunft leichter und noch freier zu machen, da ist der Gedanke da. Präsent. Bodypainting. Farbe auf ihrer Haut. Jemand anders sein, die Möglichkeit besteht, vielleicht auch ein Mann? Mit der Umwelt verschmelzen, wäre das etwas für sie? Unsichtbar sein? Nein, ein ganz entschiedenes „Nein“, darüber brauchte sie gar nicht nachzudenken, unsichtbar war sie Zeit ihres Lebens genug gewesen. Zumindest ihrer Empfindung nach.

Sie wollte gesehen werden, leuchten will sie, glänzen, glitzern, gleißen, ja, obwohl das mit dem Glänzen und Glitzern ja so eine Sache ist. Aber ein Hingucker sein, mit ganz viel rot, abstrakte Formen, eine Göttin vielleicht darstellen, also doch jefrau anders? Wahrscheinlich zu viel griechische Heldensagen in letzter Zeit gelesen. Egal. Die Farben sollen ihre Formen betonen, rot um die Brüste, gelb und gold. Blau um die Füße, grün, die Verbindung zur Erde haltend, ja, und dann ein ganz tolles Türkis, ein Blaugrün, Wasserfarben wie in der Karibik, ja, auf jeden Fall von allem viel, aus dem vollen Schöpfen. Auch das Gesicht bemalt. Wie sich das wohl anfühlen wird? Wird es kitzeln? Ein Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. Hoffentlich wird es nicht zu kalt sein, sie das lange Stehen vertragen.

Ja, sie hat sich schon im Internet informiert. Ihre Favoriten ausgesucht. In den Farben und Formen geschwelgt, Kontakt aufgenommen, mit zwei Frauen, Künstlerinnen, telefoniert. Cool und bestimmt geblieben, als es um die Preise ging. Sie weiß, was es kosten wird. Es ist nicht umsonst ein Geburtstagsgeschenk an sich selbst. Ewas großes, ja, aber manche Träume sind größer, manche unrealistisch, daher auch Träume. Bodypainting gehört zu den realisierbaren. Wie wird sich die Farbe auf dem Körper anfühlen? Die Verwandlung? Wird diese auch etwas mit ihrem Geist machen? Sie hofft es. Denn sie möchte ja, dass ihr Inneres nach außen hin sichtbar wird.

Die Leidenschaft, die Kühle und Ruhe, die Liebe, kaum wagt sie dieses Wort zu denken, für die wenigen Menschen in ihrem Umfeld. Hat sie das Wort „Liebe“ tatsächlich in den letzten Jahrzehnten mit Menschen in Verbindung gebracht? Ja, dieser eine Typ vom Dating Portal hat einen Platz in ihrem Herzen, aber ist es deswegen gleich „Liebe“? Ist ein sich sorgen um das Kind, die Freundinnen gleichzusetzen mit „Ich liebe Dich?“ Sie weiß es nicht, Nachdenken darüber hat sie die meiste Zeit tunlichst vermieden, denn was wäre, wenn sie gar nicht zur Liebe fähig wäre? Was, wenn sie das nicht geben kann, was landläufig als Liebe bezeichnet wird? Die Zeiten des rosaroten Prinzen sind längst vorbei, aus der engeren Verwandtschaft hat sie sich weitestgehend verabschiedet, was bleibt? Wer bleibt muss die Frage richtiger heißen? Kind, Freundin, Typ. Reicht das? Liebe? Was ist denn Liebe im klassischen Sinn? Erstmal googlen? Ist es nicht gleich, wie die Antworten aussehen? Die allgemeingültigen? Denn hier geht es doch nur um einen einzigen Menschen, um sie. Und um niefrau sonst! Ihre Definition von Liebe ist die einzig Richtige, mögen die anderen definieren, was sie wollen. Oder wie ihre Mutter früher immer sagte „Die anderen sind im Stall!“

Liebe. Da war sie stehen geblieben, ihr Körper soll neben Leidenschaft auch Liebe ausdrücken. Welche Farbe hat die Liebe? Treue ist blau, grün der Wald, die Ruhe, der Neid, aber welche Farbe hat bei ihr die Liebe? Und welche Form? Kommt es nicht auch auf die Form an? Nicht nur auf die Farbe? Sie ist ratlos. So schwierig hatte sie sich die Bestellung ihres Geschenks für sich selbst nicht vorgestellt, Geburtstagstorte war ein Kinderspiel dagegen gewesen.

42. Der Sinn des Lebens, schreiben so viele Männer auf dem Dating Portal als Antwort. 42. Quersumme 6. Das soll der Sinn des Lebens, die Antwort auf alle Fragen sein? Ihr schwirrt der Kopf.

Sie möchte Kreise, rote, gelbe um die Brüste, unbedingt. Zickzack-Muster bis zum Schoß? Vielleicht. Und die Arme? Was ist mit denen? Fackeln haltend? Brennen, sorgend, kümmernd? Nein, diese Aufgabe nicht, keine klassische Care-Arbeit. Never ever! Solange sie es verhindern kann. Kühlen Kopf bewahren, ja, aber will sie den nicht auch in hell, statt kühl wie blau und Wasser? Kein blaues Auge oder doch gerne zwei? Einfach so, weil es möglich ist? Farbe: Was für Möglichkeiten bieten sich denn an auf x Quadratzentimetern Haut? Sie weiß es nicht. Ihr wird schwindelig. Genug.

Aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben. Haben wir? Ja, hat sie im Freundinnenkreis. Und anhand der Antworten der anderen Frauen konnte sie abgrenzen, was für sich sie richtig anfühlt. So in der Vorbereitungsphase. Erkennend, wie wichtig ihr das Spiel mit Form und Farbe tatsächlich ist, nicht einfach nur so eine fixe Idee, die sinnlos umgesetzt werden soll. Ja, es wird etwas mit ihr passieren, da ist sie sich inzwischen ganz sicher, beim Bodypainting. Ob sie die entstehenden Fotos mögen wird, ist dann eine ganz andere Hausnummer. Aber damit kennt sie sich aus, mit Fotos, auf denen sie sich beim Betrachten fremd ist. Warum sollte das beim Bodypainting anders sein? Ist das nicht gerade ein Teil des Reizes? Sich zu verwandeln, zu verschwinden, Eigenschaften und/oder Formen sichtbar zu machen, das Aussehen zu verändern ohne Schönheits-OP und Spätfolgen? Sie wird ruhiger. Für heute hat sie genug Fotos im Internet angeschaut. Es reicht, vieles fließt inzwischen ineinander. Gut so, denn sie will und wird ja keine billige Kopie von x werden, sondern ein Unikat, ein Kunstwerk auf Zeit. Ihrs! Alles ihrs, von Kopf bis Fuß, von Haarspitzen zu Zehennägeln, ihrs. Besitzergreifend, ja, so wird es werden, hoffentlich.