Touristen-notwendiges Übel?

Gegensätze

8. April 2023

Freude

19. April 2023

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Kurzbetrachtung auf eine Anmerkung einer Leserin

Ich erhielt eine Zuschrift, die mich etwas ratlos zurückläßt. Nach Meinung von Frau X, Name ist bekannt und ich bedanke mich ausdrücklich dafür, dass die Zuflucht in der Anonymität vermieden wurde, berichte ich hier über Umwelt- und Klimaschutz. Dazu paßt natürlich keine Reise nach Kuba, das wäre ja kontraprodutiv, ganz klar! Ich plädiere allerdings auf „nicht schuldig“, denn soweit ich weiß habe ich diese Themen bisher vermieden.

Wie aus meinen letzten Blogbeiträgen unschwer zu erkennen ist, war ich im Osten Kubas im Urlaub. Und ja, ich bin dorthin geflogen, für eine ökölogisch sinnvollere Schiffsreise hatte ich nicht genug Urlaub und auf Urlaub im eigenen Land keinen Bock. So einfach ist das Ganze nicht wirklich, rechtfertigen muss ich mich auch nicht, versuche mich eher an einer Erklärung, weiß nicht, ob es mir gelingt.

Das Land ist absolut abhängig vom Tourismus wie mir im Rahmen der Gruppenreise klar wurde. Und die Touristen sind im Osten Kubas momentan rar, zumindest die, die nicht nur am Strand liegen. Bauern im Land leben vom Verkauf ihrer Produkte wie Kakaobutter oder gepresstem Rohkakao, Kokosnussöl, Handwerk wie Zauberkästchen, Obst etc. Wenn wir mit unserer Kleingruppe etwas kauften, habe ich mehr als einmal Tränen und Dankbarkeit in den Augen der Verkäufer gesehen, tatsächlich meistens Männer. Mich hat das peinlich berührt, denn die gezahlten Beträge für die Produkte waren unvorstellbar niedrig, umgerechnet in Euro, selbst gemessen an der Kaufkraft im eigenen Land. Ich perönlich habe mehr und häufiger eingekauft als ich wollte – ich konnte nicht anders.

Wir haben mit unserem Reiseführer Fischerdörfer und Familien besucht, dort gebrauchte Kleidungsstücke abgegeben, nie war es genug. Erschreckend. Und fast nichts, eher der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Wir besuchten ein gutes Restaurant und den übrig gebliebenen Reis, ca 1 kg, gaben wir dem Mann, der draußen auf unsere Autos aufpasste. Er war so dankbar, mir war es peinlich. Wären dieser Mann und die Angestellten im Restaurant besser dran gewesen, wenn wir zu Hause geblieben wären?

Was ist mit der Frau und ihren zwei Kindern, die am Staßenrand auf den Lastwagen warteten, der das Trinkwasser für die nächsten fünf Tage bringen sollte? Sie erzählte, dass die Trinkwasserlieferung die einzige Möglichkeit sei an Wasser zum Kochen und Trinken zu kommen, nicht einmal kostenfrei. Oft kommt die Wasserlieferung übrigens auch nicht. Wir hatten nur zwei 1,5 l Wasserflaschen dabei, die wir ihr gaben plus zwei T-shirts für die Kinder. Nur das Wasser brachte ihre Augen zum Leuchten. Wäre auch sie ohne Tourismus besser dran?

Wir besuchten eine dem Reiseführer seit Jahren bekannte Familie, die gerade dabei war aus der Armut „herauszukrabbeln“. Schwierig. Sie hatten bis zum Dezember 2022 ein Pferd, zwei Schweine und eine Säge mit Elektromotor. Dann wurde der Hund vergiftet, einige Tage später waren das Pferd und ein Schwein weg (gestohlen zum Verzehr!) und der Motor ausgebaut. Ohne funktionierende Säge keine Möglichkeit die Zauberkästchen herzustellen für die diese Familie bekannt war. Wir starteten spontan ein „Crowdfounding-Projekt“ und sammelten genug Pesos in der Gruppe ein, um einen gebrauchten Motor in der nächst größeren Stadt kaufen zu können einschließlich Transportkosten. Umgerechnet 215 €, pro Person ca 18 €. War unser Vorortsein Fluch oder Segen?

Hier zeigt sich, dass es kein Allgemeines „richtig oder falsch“ gibt. Die Beispiele ließen sich noch fortsetzen. Aber ich will mich hier nicht mit guten Taten brüsten, denn in dem Moment des Tuns kamen sie mir nicht so vor, vielleicht sind es auch keine. Ich fühlte mich meistens beschämt wegen der Dankbarkeit der Empfänger, weil es mir so gut geht, weil ich weiß bin, weil ich in einem Sozialstaat lebe, der trotz aller Unzulänglichkeiten diesen Namen tatsächlich verdient, weil…

Viele besuchte Familien waren „People of Colour“, deswegen erwähne ich meine Hautfarbe. Die Besitzer der Casas, in denen wir übernachteten, waren immer weiß mit direkten Zugang zu Devisen, denn die Übernachtungen mußten in Euro bezahlt werden. Nur mit Devisen kann in den staatlichen MSC-Läden eingekauft werden, so wie früher in den Intershops in der DDR. Vielleicht errinnert sich noch jemand oder jefrau?

Inzwischen bin ich wieder zu Hause und kann mit dem Gesehenen immer noch nicht richtig umgehen. So sehr mir das Land gefallen hat, ich glaube nicht, dass ich es noch einmal besuche, die Armut dort ist schlecht für mein Wohlbefinden. Andererseits hat mir die Reise gezeigt, dass ich zwar nicht die Welt retten, aber einzelnen Personen zumindest temporär das Leben erleichtern kann.

Die Antwort auf die obige Frage ist für mich daher ein ganz klares „jein“.