
Equal Pay Day – alles ein Irrtum?
1. Juni 2022
Uiguren
12. Juni 2022Meine Freundin aus München schickte mir eine Postkarte mit einem Motiv aus New York. Am interessantesten fand ich allerdings die verwendete Briefmarke, das Motiv kannte ich noch nicht.
„25 Jahre Tafel Deutschland“. Ist das ein Grund zur Freude? Ist das Bestehen von Tafeln in Deutschland seit 25 Jahren, ein Grund für eine positive Darstellung? Es ist ein roter, pausbäckiger Apfel abgebildet. Seit 25 Jahren mindestens kümmern sich Woche für Woche, Tag für Tag Ehrenamtliche in Deutschland darum, dass Bedürftige für wenig Geld gespendete Lebensmittel erhalten, Lebensmittel, die diese Menschen, unsere Mitbürger, zum Überleben brauchen. Vielleicht ist in Deutschland und seinem Sozialstaat wirklich noch niemand verhungert, aber der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Es geht um Teilhabe am allgemeinen gesellschaftlichen Leben. Und wenn durch das Abgeben von Lebensmitteln, die Bedürftigen mit Berechtigungsschein, vielleicht ein ganz bisschen Geld für andere Dinge übrighaben, ist das dann ein Grund zur Freude? Grund für ein Briefmarkenmotiv?
Oder verstehe ich das Ganze einfach falsch und es handelt sich um eine Mahnung? 25 Jahre Tafel Deutschland und kein Ende in Sicht? Aber dafür schwierigste Verhältnisse seit Ausbruch der Pandemie zum einen für diejenigen, die etwas abholen wollen, nein, eher müssen, und zum anderen für diejenigen, die gerne etwas ausgeben würden, aber einfach nicht genug zum Verteilen haben. Oder auch schlichtweg das Falsche, vielleicht 100 Packungen Haferflocken, gebraucht werden aber dringender Nudeln? Oder frisches Obst?
Erst letzte Woche führte ich ein längeres Telefonat mit der verantwortlichen Ehrenamtlichen der Tafel in Eltmann über die aktuelle schwierige Situation. Ausgabe nur alle 14 Tage, das könnte ein Lichtblick im Hinblick auf den Zeitaufwand sein, wenn, ja wenn nicht wegen Corona alles sooo schwierig wäre. Die Ehrenamtlichen, deren Durchschnittsalter > 70 ist, die wenigen Lebensmittel, das Abstandhalten, welches nur über feste Zeitfenster gemanagt werden kann, die örtlichen Gegebenheiten lassen nichts anderes zu, ich weiß das aus eigener Anschauung. Und dann die ukrainischen Flüchtlinge, die unverschuldet die Situation deutlich verschärfen. Von 24 Berechtigten am Jahresanfang über 60 und letztes Mal sollen es über 80 Bedürftige gewesen sein, die plötzlich vor der Tür standen. Klar, die Flüchtlinge können nichts dafür, aber muss ein Berechtigungsschein für die Tafel wirklich die erste Sozialleistung sein, die sie von unserem Staat erhalten? Flüchtlingspolitik auf den Schultern einiger weniger Ehrenamtlicher ausgetragen?
Das alles geht mir seit Tagen durch den Kopf, und dann die Briefmarke, kaum 3 x 4 cm groß. Welche Wirkung kann denn so ein kleines Stück Papier mit einem Wert von 70 Cent haben? Ich könnte googlen, was es mir sagen soll, das Motiv im Einzelnen, aber wozu?
Habe ich dann doch gemacht, neugierig halt, und festgestellt, dass die Briefmarke bereits im Februar 2018 herausgegeben wurde. Und die Tafeln leisten gleichzeitig einen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung, stand im Text. Ja stimmt. Und die Lebensmittelspender sparen Abfallentsorgungskosten (stand da nicht, ist aber trotzdem richtig!).
Durch die Briefmarke wird bei mir direkt mein schlechtes Gewissen angesprochen, davon kann mich Frau Schmittlutz auch nicht freisprechen, wenn sie zu mir sagt „Frau Kurz-Richter, Sie haben genug geben! Sie sind die Einzige, die unaufgefordert spendet.“ Habe ich wirklich genug gegeben? Wann ist „genug“ genug? Ja, ich habe Jahre lang Lebensmittel gespendet, regelmäßig. Öfter einfach mal ein Teil oder auch zwei mehr gekauft, ich wusste, wenn wir, mein Haushalt, es nicht braucht, gebe ich es weiter. Denn auch auf Lebensmittelspenden aus Privathaushalten sind die Tafeln angewiesen. Nach dem Tod meines Mannes bin ich dazu übergegangen Geld zu spenden. Geldspenden dürfen nach Satzung allerdings nicht für Lebensmittel ausgegeben werden, also waren meine Zuwendungen Zweck gebunden z.B. für Gefriertruhe oder Rollbretter, all die Dinge, die in erster Linie den Ehrenamtlichen das Leben, nein, die Arbeit leichter machen. Lieber hätten sie natürlich meine helfenden Hände gehabt, aber das kann und werde ich beim besten Willen nicht leisten können. Bleibt „nur“ die Spende, um mein Gewissen zu beruhigen. Wahrscheinlich habe ich mein Limit für dieses Jahr doch noch nicht erreicht, wenn ich an die vielen ukrainischen Flüchtlinge denke…




