
„Karma hat kein Verfallsdatum“
22. November 2024
1. Advent
1. Dezember 2024Alltäglich?
Diese Frage stellt mir mein Bekannter aus Nürnberg fast jeden Tag. Aufmerksam. Obwohl sich unsere Beziehung nicht so entwickelte wie wir beide es uns vorstellten. Mehr Sex, mehr Nähe, denn immerhin wohnt er in Nürnberg. Aber er ist alleinerziehender Vater, Wechselmodell. Und ich? Ich bin seit fast einem Jahr behindert, habe immer irgendwelche körperlichen Beschwerden.
Momentan trage ich am linken Arm Orthese, genauso wie am rechten Bein. Meine Arthrose ist zurück, war anatomisch gesehen natürlich auch nie weg, wurde nur von anderen Schmerzen in den Hintergrund gedrängt.
Wie war mein Tag?
Seit dem 13.10.2024 bin ich unfreiwillig früher aus dem Urlaub zurück und schlage mich so durch. Sechs Wochen. Ja, am Anfang waren die Tage noch abwechslungsreich, Arzttermin hier, Telefonate mit A, B, C. Abwechslungsreich. Inzwischen gehen die Tage eher ineinander über. Sonntag ist dann, wenn in der Innenstadt die Geschäfte geschlossen haben. Dienstag ist dann, wenn mein Lieblingscafé Ruhetag hat. Meine Tage unterscheiden sich kaum, aber das tun sie im normalen Leben, so mit Arbeit, Beruf und Familie ja auch nicht. Krankengymnastik mal früh, mal mittags.
Wie war mein Tag?
Gut, schlecht, bescheiden, dazwischen, langweilig, toll, interessant, sonnig. Es gibt so viele Möglichkeiten für eine Antwort. Denn zum einen werde ich ja nicht gefragt, was ich gemacht habe, sondern wie mein Tag für mich verlaufen ist. Subjektiv. Und hinter dieser Frage steckt Interesse. An mir, meiner Person. Gut, vielleicht nicht jedes Mal, die Frage kann natürlich auch Teil eines Rituals sein. Meine Antwort auf seine Frage „Wie war mein Tag?“ kann ihm zeigen wie schön sein Tag war. Oder aber auch das Gegenteil.
Manchmal weiß ich nicht, was ich antworten soll. Irgendwie schon alles 1000-mal gesagt.
Obwohl, so lange kennen wir uns noch gar nicht. Manchmal frage ich mich, warum er die Beziehung nicht abbricht, denn unsere sexuellen Begegnungen, das, was wir scheinbar auf der Suche beim jeweils anderen waren, finden kaum noch statt. Warum breche ich nicht ab? Weil mich die Frage „Wie war dein Tag?“ manchmal zum Reflektieren bringt. Weil ich seine Stimme mag. Sein scheinbareres Verständnis, das Mitgefühl. Weil mir diese Beziehung immer wieder klar macht, wie finanziell privilegiert ich bin. Keine Kinder, die unterhalten werden müssen, noch ein paar Ersparnisse auf der Bank, regelmäßiges und zuverlässiges Einkommen.
Wie war Dein Tag?
Manchmal ist die Antwort auch einfach „zu kurz“ oder auch das Gegenteil davon „zu lang“. Wenn ich nachts nicht schlafen kann und schon um fünf Uhr durch die Wohnung geistere…
Wie war Dein Tag?
Anhand der Antwort für gestern kann ich natürlich auch versuchen es heute anders zu machen. Wenn Gestern langweilig war, und ich es mir eingestehen kann, dann kann ich ja mein Heute verändern. Einen anderen Weg zur Post nehmen, ja, wieder etwas bei Ebay verkauft. Beim Imbiss C essen statt bei K, oder ganz verwegen, sogar den Mittagstisch beim Inder in der Bahnhofsstraße. Ich kann mich auf eine Bank setzen und einfach nur das Wandern der Sonne beobachten, wenn sie denn scheint. Oder Menschen.
Zuhause die Reihenfolge beim Tisch decken bewusst ändern, andere Bücher lesen als sonst. Okay, dass mit den Büchern lesen klappt sehr gut, denn momentan gibt es ausschließlich die eingereichten Wettbewerbsbeiträge. Fast hätte ich „nur“ geschrieben, aber das wird den Büchern einfach nicht gerecht. Was für Schätze sind dabei! Das hätte ich ja selbst nie gedacht. Auch ich habe Vorurteile gegen Selfpublisher. Welche Überraschung, dabei bin ich selbst eine. Auch hier hilft mir die Frage „Wie war Dein Tag?“ eine andere Antwort zu finden. Spannend zum Beispiel, wenn ich einfach das Buch zu Ende lesen musste, alles andere hinten anstellte. Spannend, diese Dystopie, deren Liebesgeschichte alles andere überdeckte. Nachdenklich, denn ich stelle fest, meine Kategorien beim „Ayla Richter Froschkönigin Award“ passen nicht wirklich. Ich hatte bei der Ausschreibung eher an die „klassische“ Literatur in den Buchhandlungen gedacht. Aber die eingereichten Beiträge sind sehr oft, okay, ich habe erst 25 % gelesen, eben nicht klar und einfach abgrenzbar. Da ist dann halt mal ein Buch in der falschen Kategorie. Naja, inzwischen bei den 25 % schon eher drei oder vier. Aber das macht das Lesen so überaus spannend und überraschend. Wenn ich mir „Liebe“ greife, kann durchaus mehr drin sein. Dasselbe gilt natürlich auch für Fantasy oder Krimi.
Wie war Dein Tag?
Abwechslungsreich finde ich als Antwort auch sehr gut. Denn in „abwechslungsreich“ steckt das Wort „reich“ drin. Und wir alle wollen doch lieber reich an etwas sein, wie Gesundheit, als „arm“. Obwohl bei Krankheit fände ich „arm“ gut. Aber sonst?
Und jetzt frage ich Dich: „Wie ist Dein Tag? Was möchtest Du heute erleben? Was möchtest Du am Abend gerne auf diese Frage antworten?“
Erzähl doch mal…




