„Schuppi“

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Eine Form von Mobbing?

„Schuppi, wo bist Du?“

Er fühlte wie er rot wurde. Eine Hitzewallung fegte durch seinen Körper. Von Fuß zu Kopf und wieder zurück. Ihm wurde heiß, seine Haut fing an zu spannen. Trocken war sie, wie immer zu trocken, die Schuppenflechte hatte ihn fest im Griff. Keine Schweißbildung möglich, die vielleicht, eventuell, möglicherweise das nun beginnende Jucken hätte abmildern können. Er ballte die Fäuste, um das Kratzen zu vermeiden.

„Schuppi“, wie er von allen gerufen wurde in seiner Kindergartengruppe für junge Echsen, war der Verzweiflung nah. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder ein Anfall. Denn dann würde wieder keiner mit ihm spielen wollen. Dann müsste er wieder den Nachmittag allein verbringen. In der Lego-Ecke, in der er bei bestimmten Lichtverhältnissen fast unsichtbar war, stierte er vor sich hin. Die Legos waren nicht nur Schutz und Schild in Momenten wie diesen, sondern tatsächlich auch seine Lieblingsbeschäftigung. Wenn er aus den Legosteinen neue Welten schuf mit sich selbst im Mittelpunkt, konnte er die anderen Kinder vergessen. Seine Einsamkeit vergessen, die Streiche, die ihm permanent gespielt wurden. Allein die „Schuppi“ Rufe den ganzen Tag über, was für eine Qual. Tag für Tag. Andersein hat ihren Preis. Aber musste der so hoch sein?

Ringo rang mit sich, ob er endlich etwas sagen, etwas tun, sich wehren sollte. Seine Mutter sagte immer, dass er etwas Besonderes sei, die anderen Kinder nur neidisch, er solle sie ignorieren, dann würde eines Tages alles besser werden. Wann kam endlich dieser Tag? Heute auf jeden Fall nicht! Ringo ließ sich vornüber fallen, biss die Zähne zusammen, wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und wünschte sich weit, weit weg. Am liebsten für immer.

„Schuppi, wo bist Du?“

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Ja, ist es „nur“ ein Streich, wenn Kinder Ringo immer nur „Schuppi“ rufen? Wissen diese Kinder es nicht anders? Oder haben sie sich solch ein Verhalten bei Erwachsenen wie Eltern, Kindergärtnerinnen und sonstigen Bezugspersonen einfach nur abgeguckt und wissen nicht, was sie tun? Ab wann sind Kinder fähig sich eines Unrechts bewusst zu werden?

Ich denke in relativ jungen Jahren, denn auch mein Kind wurde durch ein Kindergartenkind heftig „bestreicht“. Erst als mit meiner Hilfe eine angemessene verbale Antwort auf die ständigen Attacken erfolgte, gab es so etwas wie Ruhe.

Aber heute geht es mir im folgenden Text nicht um Kinder, sondern um Erwachsene. Um berufstätige Menschen in meinem Umfeld. Jedes Mal, wenn ich die Weihnachtsansprache meines Amtsleiters höre, könnte ich kotzen. Er stellt das Finanzamt, in dem ich arbeite, als einen Hort der Glückseligkeit dar, die Kolleginnen, alle anderen sind mitgemeint, würden höflich, freundlich etc., blablabla, miteinander umgehen. „Träum weiter“, würde ich dann jedes Mal am liebsten schreien, die Realität sieht doch ganz anders aus.

Denn wie ist es zu benennen, wenn Kolleginnen aus demselben Sachgebiet es kategorisch ablehnen mit mir zusammen einen Sachgebietsnachmittag zu verbringen? Hatte ich den Damen jemals etwas getan? Ein offenes Gespräch darüber fand zwar mit meinem Vorgesetzten statt, aber beim entsprechenden Nachmittag gab es dann auf die Frage „sie oder ich?“ für mich nur eine folgerichtige Antwort „Ich“. Ausgrenzung fängt doch da schon an. Frau muss mich nicht mögen, aber im Grunde alle Beteiligten vor die Frage zu stellen: Sie oder ich, ist in meinen Augen eindeutig Mobbing, auch wenn es die wissenschaftliche Definition von Mobbing nicht ganz trifft.

Wie ist es zu benennen, wenn im Erdgeschoss eine Kollegin in den Ruhestand geht, ihr Name durchgestrichen und mit „Endlich“ ergänzt wird? Dieses Türschild befindet sich an zentraler Stelle, die Vorsitzenden des Personalrats mussten dort vorbei, die Sachgebietsleiter, die selbst zumindest einen Teil ihrer Post holen, und viele andere aus dem Haus. Ich war geschockt, als ich das las. Eine Kollegin erklärte auf Nachfrage, dass das Türschild so schon deutlich länger als zwei Wochen dort hängen würde. Auch sie hatte ihren Unmut an offizieller Stelle kundgetan. Passiert sei anscheinend nichts. Stimmt, erst mein Anruf beim Personalrat sorgte zeitnah für einen Austausch.

Was mag eine Kollegin bewogen haben ihren Frust über eine andere Frau sooo deutlich und für alle im Haus, die sehen wollten, sichtbar zu äußern? Ich will gar keine Antwort, denn auch ich war froh als die eine und andere Kollegin das Amt verließ, aber so eine Handlung hätte ich bei aller Erleichterung niemals vorgenommen. Ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen so nachzutreten. Wie tief da die Hemmschwelle sitzen muss, darüber kann ich nur spekulieren.

Mich interessieren vielmehr die, die tatenlos zusehen haben, die nichts unternahmen, wochenlang, wenn meine Quellen stimmen. Wenn der Zusammenhalt im Amt so groß wäre wie von der Amtsleitung einmal im Jahr beschworen, hätte dieses Türschild nicht länger als einen Tag dort hängen dürfen. Eher nur wenige Stunden, nein, gar nicht!

Wer hat also versagt? Oder sind die Prioritäten im Amt nicht darauf ausgerichtet Mobbing, und das ist eine Form von Mobbing, frühestmöglich zu bekämpfen, aktiv dagegen vorzugehen, wenn Kolleginnen zum Opfer und somit andere zur Täterin werden? Was mit anderen Problemfeldern wie sexuelle Belästigung und „interne“ Gewalt wie Schikanieren? Negieren wir diese auch, weil sie nicht in unser Weltbild einer großen Familie passen? Oder verniedlichen wir diese, wenn ein Wegschauen unmöglich wird? Denn ein Hinsehen erfordert Handeln. Durch Kolleginnen, Vorgesetzte, Amtsleitung. Handeln macht Arbeit. Und durch Handeln könnte ich natürlich die Nächste sein…