„Ich habe nichts zu verbergen“

Kalle
12. April 2024
18. Frauenpolitische Fachtagung
17. April 2024
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Schreibchallange

„Ich habe nichts zu verbergen“, sagte sie mit fester Stimme und schaute ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Sie zeigte keine Angst, obwohl die Situation zum Fürchten war. Hier, in der Damenumkleide vom Freibad, war sie um diese Zeit ganz allein, das Bad war wegen des schlechten Wetters eh nur schlecht besucht gewesen. Sie schwamm gerne abends.

Klar hatte sie in Gedanken schon oft durchgespielt, was wäre wenn. Aber nie bis zum Ende. Und nun stand sie hier, frisch aus der Dusche gekommen, das Handtuch um den Körper gewickelt und der Mann ihr gegenüber. Groß und muskulös. Unruhiger Blick, Schweiß auf seiner Stirn. Das Messer in der Hand eher ein nettes Accessoire als eine echte Bedrohung.

„Handtuch fallen lassen! Aber dalli!“ „Ich habe nichts zu verbergen“, sie wiederholte sich, spielte auf Zeit. „Willst Du wirkl “ Weiter kam sie nicht, seine Hand fuhr vor und riss das Handtuch mit Gewalt herunter. Er erstarrte. Sie innerlich auch. Sie sah, wie seine Augen groß wurden, sie wusste, was er sah. Sie kannte ihren Körper zur Genüge. Wusste um die große Narbe im Genitalbereich. Von damals als sie das Leben als „Er“ nicht mehr führen konnte, eine Geschlechtsumwandlung in ihrem Land ausgeschlossen war und sie in lauter Verzweiflung selbst das Messer ansetzte. Sie wäre damals fast verblutet.

Für andere war es ein Schock! Für sie der Beginn eines neuen Lebens gewesen.

Sie zögerte nicht. Ein Schritt vor, ein sehr gut gezielter Tritt in die Eier ihres Gegenübers und nichts weg. Sie rannte. Weg! Nackt durch die beginnende Nacht. Kein Blick zurück, nur den Ausgang und mögliche Hilfe vor Augen.

Fast hatte sie es geschafft als sie Atem im Nacken und eine Hand auf dem Rücken spürte. Ihr Herz setzte aus. Voller Adrenalin drehte sie sich um. Kampfbereit. Kein weiteres Weglaufen. Hier und jetzt musste die Entscheidung fallen.

Der Bademeister hielt ihr ein großes Handtuch entgegen. „Die Polizei habe ich schon benachrichtigt“, sagte er leise. „Tut mir leid, sehr leid! Er ist weg.“ Schweigend und mit zurück gewonnener Würde wickelte sie sich ein. Als Junge hatte sie nie geahnt wie verletzlich sie als Frau sein würde.