Integration – Feminismus -Patriarchat

Oskar
7. April 2024
Marke
10. April 2024
Oskar
7. April 2024
Marke
10. April 2024

‚Real Life‘ ist schwierig

Ich bin‘s leid!

Immer noch schleppe ich meine alten Glaubensätze mit mir rum. Ich dachte doch tatsächlich ich wäre weiter. Weiter im aktiven Tun des Feminismus, Ablegung des Patriarchats, natürlich meine ich damit entsprechende Verhaltensweisen. Und was hat das Ganze mit Integration zu tun? Dazu komme ich später.

Den Feminismus, so als neue „Glaubensrichtung“, habe ich erst richtig nach dem Tod meines Mannes für mich entdeckt. Vorher war es eher so ein Herantasten mit Veranstaltungen zum Equal Pay Day, Gleichstellungsfragen etc. Aber seit 2018 geht es rund, dachte ich wenigstens. Ich las unzählige Bücher, meistens mit Erfolg von bekannten und unbekannten Autorinnen, die die Fahne des Feminismus hochhalten.
Auch das Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“ von Jens van Tricht. Ich dachte, ich sei fit auf dem Gebiet. Ich dachte, ich hätte genug geübt, mir würde vieles nicht mehr passieren, weil ich ja die Strukturen erkennen würde. Pustekuchen! Nichts von allen dem, naja, irgendwie doch schon, aber halt deutlich zu spät. So im Nachhinein. Tja.

Was war passiert, was zu der o.g. Selbstgeißelung führt?

Im Integrationskurs für ehrenamtliche Helfer, dem ich schon seit Jahren angehöre, wurde dieses Mal über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ostern und Ramadan gesprochen, denn dieses Jahr herrschte ziemliche Zeitgleichheit. Es ging um das Fasten an sich, die fünf Säulen des Ramadans, Fasten bei evangelischen und katholischen Christen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Der Abend beinhaltete das „Fastenbrechen“ im Ramadan. Zu diesem Zweck wurden von verschiedenen Personen/ Familien Speisen gekocht und gespendet. So weit, so schmackhaft. Eine der Säulen des Ramadans ist das Spenden für Bedürftige. Ja, ich hatte aufgepasst! Spenden, das gefiel mir. Denn die Teilnehmerinnen im Kurs, alle anderen sind mitgemeint, aßen im Kurs für lau, sprich umsonst. Also dachte ich mir, es wäre doch eine gute Gelegenheit Spenden zu sammeln und sie einer der anwesenden Familien, die moslemischen Glaubens sind, für die „Armen“ zu geben. Also Spenden gesammelt, ja, teilweise auch mit ein bisschen Nachdruck, selbst mit gutem Beispiel vorangehend. Und dann erhielt ich die Spendendose zurück und sollte/durfte diese übergeben.

An wen? Diese Frage habe ich mir nicht einmal gestellt! Sondern übergab das Geld ganz selbstverständlich an einen Mann. Und fand das ganz normal! Bis ich ein paar Nächte später nicht schlafen konnte und mir unter anderem diese Szene immer noch durch den Kopf ging. Warum der Mann? Ja, seine Frau hatte für uns gekocht, er war als syrischer Flüchtling auch schon seit Jahren dabei, hatte inzwischen eine reguläre Arbeitsstelle im Landkreis mit Flüchtlingsbetreuung. Also scheinbar eine gute Wahl. Aber das stimmt nicht, denn an diesem Abend gab es für mich keine Wahl! Es gab nur den Mann als einzig möglichen Empfänger!

Also, ein paar Nächte später ging ich in Gedanken die Szene noch einmal durch, denn irgendwas grummelte in mir. Irgendwas war unrund. Und dann plötzlich hatte ich die Ursache für mein Unbehagen gefunden! Es hätte auch noch eine Frau gegeben, der ich meine Spenden hätte geben können. Sie kocht schon sehr viel länger regelmäßig für uns, lernt deutsch und deutsche Sitten, hat sich nach dem letzten Kind vom Mann getrennt, trägt wegen der Heiratschanchen der Töchter Kopftuch, obwohl sie es gar nicht mehr möchte, ist alleinige Haushaltvorständin, gläubig, und ich habe sie als Spendenempfängerin, also zur weiteren Verteilung, nicht einmal in Betracht gezogen. PUNKT. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und ja, auch Diskriminierung aufgrund des Kopftuchs, sprich wegen der Religion. (Frauen mit Kopftuch haben nichts zu sagen, unterstehen männlichen Verwandten etc. als Vorurteil) Denn meine erlernten Verhaltensmuster sind halt so. „Der Mann ist der fähigere Mensch!“

Seitdem schäme ich mich. Aber ich bin auch froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin dankbar, dass ich in der Lage bin, mein Verhalten zu reflektieren. Auch, wenn es mühsam ist.

„Unlearn Patriachy 2“, genau das will uns das o.g. Buch mit Texten zu verschiedenen Themen wie Medizin oder Architektur, herausgegeben vom Emilia Roig u.a., nahebringen. Erkennen, wo überall in unserem Alltagstun „Patriarchat“ drinsteckt.

Und jetzt komme ich zu Integration und dem Buch von Susanne Zankl, ich hatte es hier ja schon vorgestellt. Dort wird das Leben von „Bedun“ beschrieben, eindringlich und sehr informativ beschrieben, aber so anders in der Grundidee dürfte das Leben auch von normalen Staatsangehörigen der Länder Syriern, Kuwait, Iran, Irak, soweit diese den Islam als Religion folgen, nicht sein. Diese Menschen, Frauen, Kinder und Männer, leben ein anderes Leben als das, welches wir hier in Deutschland oder Österreich kennen. Wir verlangen von ihnen Integration, in jeder Hinsicht.

Auch wenn wir selbst unterschiedliche Sitten und Gebräuche haben wie zwischen Nord- und Süddeutschland. Wir verlangen, z.B. bei der „richtigen“ Toilettennutzung m.E. völlig zu Recht, dass diese sich anpassen, wenn sie auf Dauer bei uns leben wollen. Und das wollen die meisten. Aber überlegen wir doch auch Mal, wie schwierig diese Anpassung sein kann. Wie schwierig es ist mit der Muttermilch aufgesogene, oft auch absolut non-verbale Glaubenssätze abzulegen oder zumindest zu hinterfragen.

Fragen wir uns selbst:

  • Bekommt an Deinem Tisch auch immer noch der Mann das größte Stück Fleisch?
  • Auch dann, wenn er nicht das meiste Geld mit nach Hause bringt?
  • Oder Du durch Kinderbetreuung, Teilzeit-Arbeit, Haushalt und Care-Arbeit deutlich mehr Stunden täglich arbeitest als er?
  • Wer hat denn in dem Fall das größere Stück vom Kuchen verdient?
  • Sind ernährungstechnisch Kuchen und Fleisch geleichwertig? Nein, meines Wissens nicht. Das eine enthält mit Zucker hauptsächlich Kohlenhydrate, das andere Eiweiß.
  • usw. usw usw.

Und so werde ich nach diesem Text aufhören mir selbst Vorwürfe zu machen und alles daransetzen, dass ich das nächste Mal in einer vergleichbaren Situation erkenne, dass ich die Wahl habe! Und dann hat sich dieser Kurs schon wieder für mich gelohnt. Nicht nur wegen des Essens 😉