Upgrade

Abenteuer
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8. Januar 2024
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Sydney

Hier in Sydney senkt sich langsam die Dunkelheit über die Stadt. Ich sitze am Fenster meiner Loft-Suite und freue mich immer noch wie Bolle über das Upgrade.

Ja, seit gestern bin ich hier, in Melbourne auf dem Flughafen trennten sich unsere Wege. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes mein Kind sitzen gelassen und bin nach Sydney geflogen, um noch 14 Tage allein Urlaub in der großen Stadt zu machen. Einfach war die Trennung nach gut 4 Wochen, um genau zu sein 30 Tagen, nicht. Dazu verbrachten wir zu viel Zeit zusammen und es war harmonischer als ich dachte. Ich konnte einen Teil der Verantwortung abgeben, denn zusätzliche Ausflüge wurden alle von meinem Sohn organisiert und haben tatsächlich, und da bin ich immer noch überrascht, auch wenn er von der Besten gelernt hat, tadellos geklappt.

Ja, beim Abschied flossen doch ein, zwei oder auch drei Tränen bei mir, gleichzeitig war ich gespannt auf das Neue. Würde ich wirklich alleine mit meinem mangelhaften Englisch zurechtkommen? Nur weil mein indischer Bekannter mich versteht, heißt das ja noch lange nichts. Am Flughafen in Sydney war problemlos ein Taxi zu bekommen, also ein echtes😉. Smalltalk mit dem Taxifahrer hätte besser sein können – da meldet sich schon wieder Miss Perfect. Im Hotel erzählte mir dann „Edgar“ an der Rezeption, dass er mir wegen der Dauer meines Aufenthalts ein Upgrade gegeben habe, eine Loft-Suite. Klingt erstmal gut. Als ich dann noch die versehentlich mitgenommen Karte des Schwesterhotels in Melbourne hervorzog und um Rückgabe bat, wurde diese mir gleich mit einem Lächeln und freudiger Überraschung für dem Strom kodiert in die Hand gedrückt. Fahrstuhl in den 5. Stock und steigende Spannung. Tür auf und whow! Ich konnte es kaum glauben, aber ja, ganz nett die Suite. Ich bin den gesamten Abend noch mit einem Lächeln im Gesicht herumgelaufen. Echt cool. Zwei Ebenen, sehr viel Platz, tolle Aussicht und eine Chaiselongue vor dem Fenster, ja, so lässt es sich leben. Und „Alexa“, die Suite-Sklavin, spielt Musik, wann immer ich es möchte. Sogar „Last Christmas“ mehrfach hintereinander, ohne zu mosern. Das Leben ist schön! Ich bin glücklich und zufrieden, ich hätte nicht gedacht, dass ich dies eines Tages so sagen kann und es tatsächlich auch so meine. Dieser Urlaub tut meiner Seele gut!

Hier kann ich unperfekt und so „blond“ sein, wie ich will, egal. Interessiert niemanden, nicht einmal mich selbst. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Mehrfach, wenn es sein muss. Bitte um Wiederholung. Oder sage gleich, oder mit Finger auf der Karte und so, was ich möchte. Ist vielleicht unhöflich, aber für mich stressfrei! Denn auch meine Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer an je mehr Dinge ich denken muss. Wie heißt das Wort? Grammatik? Einfache Vergangenheit? Hm, wie kann ich es umschreiben, versteht der mich überhaupt? Schulterzucken. Bisher habe ich alles bekommen, was ich möchte.

Heute war ich zu Fuß in der näheren Umgebung unterwegs, Hydepark, klingt nach Great Britain. In der Art Gallery of New South Wales. Eintritt frei! So geht Bildung für alle. Über die vielen alten Schinken aus Europa konnte ich nur lächeln, da war ich sehr schnell durch. Bei der Kandinsky -Ausstellung auch, die war mir zu voll. Zu rummelig. Und als ich dann so rumschlenderte, bin ich auf die Ausstellung „A Curve is a Broken Line“ von Hoda Afshar gestoßen. Einer jungen Australierin, die erst vor wenigen Jahren aus dem Iran hierherkam. Ihre Fotos und die gezeigten Filme gingen mir unter die Haut, direkt in den Magen. Fotos aus einen Gay-Club im Iran, Fotos und Lebensläufe von Whistleblowern in Australien, die Missstände und Menschenrechtsverletzungen bei ihrer Arbeit nicht mehr ertragen konnten und an die Öffentlichkeit gingen. Trotz des Verlustes der Reputation, der Arbeit, teilweise mussten sie ins Gefängnis, weil das Whistleblowern vor entsprechenden Gesetzesänderungen stattfand. Diese Ungerechtigkeit, die dahintersteckt, und dann die Frage „Wie würde ich mich in so einer Situation verhalten?“ Bin ich dann so mutig und konsequent, wie ich es von mir glaube?

Ein weiterer Film zeigte Menschen, Männer, staatenlose Kurden, die in Australien Asyl suchen wollten. Ohne viel Federlesens wurden sie auf die Insel Manu, Pagua-Neuguinea, gebracht. Und mussten dort Jahre verbringen, kamen aufgrund der „Haltungsbedingungen“ zu Tode oder wurden ermordet. Als ich die dort vorgestellten Männer und ihre Schicksale sah, fragte ich mich, ob ich einem Land leben will, welches ähnliche Ansätze diskutiert. Und ich hatte schon beim Besuch im Fremantle Prison gemerkt, dass andere Länder es mit Menschenrechten nicht so genau nehmen. Und Australien ist weder eine Diktatur noch ein Entwicklungsland. Reisen bildet. Will ich so viel Bildung?