
Wochenrückblick
26. November 2023
Australien wartet
5. Dezember 2023Integrationskurs – Geschichte zur Weihnachtsfeier
I. Gedanken zu Weihnachten
Ende Oktober 2023:
Sie sitzt am Küchentisch im Hotel-Appartement und sieht beinahe verzweifelt auf die Tastatur ihres Notebooks. Was machte sie hier? Hier in Regensburg. Klar, hier konnte es heute nur regnen, wie ihr ein Blick aus dem Fenster zeigte. Vorgezogenes Weihnachtstreffen mit den Kolleginnen aus Halbbayern, deswegen war sie hier. Sie war gestern schon angereist, um ein bisschen Zeit für sich zu haben. Ohne den Blick auf unerledigte Wäscheberge und Staubmäuse werfen zu müssen.
In knapp zwei Monaten ist Weihnachten. Sie war auf der Weihnachtsfeier des Integrationskurses verantwortlich für die Weihnachtsgeschichte. Warum hatte sie sich nur bereit erklärt? Natürlich war sie im ersten Moment geschmeichelt gewesen. Sie sollte und durfte vorlesen. Den Text aussuchen! Ja. Sie konnte auch mal einen sinnvollen Beitrag leisten. Irgendwie kam sie sich in dieser Gruppe immer überflüssig vor. Und das schon seit Jahren. Quasi von Beginn an.
Seit dem ersten Besuch nach dem Tod ihres Mannes im Frühjahr 2018. Nachdem sie sich eines Abends, als sie nichts Rechtes mit sich anzufangen wusste, an einen Zeitungsartikel erinnerte. Der, der für diese Treffen in Haßfurt Werbung machte. In-te-gra-tion.
Ihr Mann hatte von solchen Sachen nie etwas wissen wollen, ihr die Teilnahme vergällt. Aber jetzt war sie frei. Herrin Ihrer Zeit. Wie verbittert sie damals gewesen war, merkte sie erst später. Heute hatte sie nur noch Mitleid mit der Frau von früher. Und wie hatte diese Frau jahrelang Weihnachten gefeiert? War es überhaupt ein Feiern gewesen?
Warum feiern wir Weihnachten. Die biblische Geschichte kannte sie wohl, Kind in der Krippe und so. Heil auf Erden. Herbergssuche. Fast so wie heute, wo für Asylsuchende Unterkünfte gesucht werden.
Maria und Josef waren zwar keine Flüchtlinge, aber definitiv auf der Suche nach einer Herberge, einer Unterkunft. Geburt ohne Hebamme, naja. Und dann all das Gesäusel. Die frohe Botschaft, die damit verbunden sein soll. Aus ihrer Perspektive als Feministin hat damals schon das Patriachat angefangen, obwohl die „Kirche“ erst später gegründet wurde. „Gelobt sei der Herr!“ Ja, warum nicht „Gelobt sei die Frau“? Was für ketzerische Gedanken!
Hier geht es um eine Geschichte. Kreisend um das Thema Weihnachten. Friede auf Erden. Was für ein hohler Wunsch in Zeiten wie Krieg in der Ukraine, Gazastreifen und Israel, dem Geburtsland des Heilands.
Weihnachten: Friede, Freude, Eierkuchen?
Spontan fällt ihr der Weihnachtsfrieden im Büro ein. Da wurden früher regelmäßig 14 Tage vor dem 24.12. des Jahres keine Steuerbescheide mehr an die Steuerpflichtigen versandt. Frieden von Amtswegen.
Oder der legendäre Weihnachtsfrieden im Jahr 1914, im ersten Weltkrieg, ihrer Erinnerung nach zwischen Deutschen und Franzosen.
Nein, friedlich war Weihnachten für sie selten gewesen als der Mann noch lebte. Energisch schob sie den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Was bedeutet Weihnachten heute für sie? Geschenketausch? Nein danke. Obwohl, den Gedanken an das Wichteln findet sie nett. Bei ihr in der Heimat heißt das „Julklapp“. Selber Inhalt nur anderes Etikett. Und wie ist das bei „Weihnachten“. Gleiches Etikett? Aber verschiedener Inhalt je nach Herkunft und persönlicher Erfahrung? Gibt es für Weihnachten überhaupt einen gemeinsamen Nenner?
Freie Tage für Arbeitnehmer in Deutschland gibt es ja an Weihnachten, sogar gleich zwei, auch für die Atheisten unter uns. Ist das gerecht? Freie Tage für „Ungläubige“? Aber Weihnachten hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, denn sonst wäre das Aufstellen von Wunschbäumen vielerorts nicht notwendig. Wunschbäume als Notwendigkeit, damit armen Kindern wenigstens ein einziger Wunsch erfüllt werden kann. Armut in Deutschland, nicht nur bei den Flüchtlingen, In-te-gra-tion, hier schließt sich wieder ein Kreis.
Weihnachten für alle? Also muss es doch irgendwie einen gemeinsamen Nenner geben: Friede, darauf reimt sich Liebe. Weihnachten beschenken wir aber doch schon lange nicht mehr nur unsere „Liebsten“, sondern ganz von Verpflichtung getragen auch Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde, Verwandte. „Pflicht“ ist hier das entscheidende Wort. Sie hatte es gut, Kernfamilie nur noch aus zwei Personen bestehend. Kaum noch Kontakt mit der Herkunftsfamilie. Hat was, wenn es ums Schenken geht. Natürlich zeigte sie ihre Sympathie, durch Geschenke an die eine und den anderen, sorgsam ausgewählt. Mit dem Wort Liebe tut sie sich schwer.
Aber sonst? Dieser Kommerz. Hat das noch was mit der Geschichte vom Jesuskind zu tun? Oder sind wir da schon bei den drei Weisen aus dem Morgenland, Kaspar, Balthasar und Melchior mit ihren Gaben. Weihrauch, Myrrhe und was war der Rest nochmal? Da fing doch die Schenkerei schon an. Und ist die Bezeichnung “der Weise aus dem Morgenland“ überhaupt noch politisch korrekt?
Weihnachten. An was musste heutzutage alles gedacht werden. Konnte sie überhaupt noch allen Mitgliedern des Integrationskurses ein „Fröhliches Weihnachten“ wünschen, wo sie doch von dem einen und anderen wusste, dass dieser muslimischen Glaubens war? Anpassung an die Kultur des „Gastlandes“. Machen wir es uns mit dieser Forderung nicht zu einfach? Müssen sich wirklich nur die Neuankömmlinge mit der anderen Kultur arrangieren? Oder wird gleichzeitig auch von uns erwartet, dass wir uns ändern? Zukünftig durch die Flure der Amtsstube nur ein „Fröhliche Feiertage“ schallt?
Weihnachten, was für ein Stress schon im Vorfeld. Ihr Kopf droht zu platzen. Den roten Faden hat sie schon längst verloren, also alles nochmals auf Anfang? Ja!
Neuanfang…
II. Gedanken zu Weihnachten (neu)
Sie mochte die meisten Teilnehmenden des Integrationskurses, den sie nun schon seit Jahren besuchte. Wegen des Essens, wie sie immer sagte. Das war zwar nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit.
Sie kam dorthin, weil sie sich angenommen fühlte. Weil sie jedes Mal die Wellen der Sympathie zu spüren meinte wie einen warmen Mantel, der sich um sie wie eine zweite Haut legt. Sie war dankbar dort vor Jahren aufgenommen worden zu sein.
Wie ein Flüchtling, nur eben nicht aus Afrika oder Asien, sondern ganz einfach aus Einsamkeit und mit Verbitterung im Gepäck. Mutig hatte sie sich auf den Weg gemacht zum „Integrationskurs“ und sie war integriert worden. Einfach war es nicht gewesen, aber sehr erfolgreich. Und heute wollte sie etwas zurückgeben, von der Dankbarkeit, der Liebe und Sympathie, die sie dort immer empfing, egal wie gut oder schlecht es ihr gerade ging. Sie durfte die Weihnachtsgeschichte lesen, was für eine Ehre. Was für eine Verpflichtung. Was für eine Möglichkeit ein kleines bisschen die Dankesschuld abzutragen.
Weihnachten ist für viele das Fest der Liebe, klar, auch der Geschenke, der Völlerei, des Streits, der Zurückhaltung. Aber auch des „wenigstens einmal im Jahr mit der Familie Zusammenkommens“.
Weihnachten ist das Fest der vollen Kirchen, aber auch der Einsamkeit für die, die nicht wissen wohin. Aber solange es diese Gruppe gab, würde es für sie nie echte Einsamkeit geben, wenigstens einmal im Monat nicht. Das wusste sie. Davon war sie überzeugt!
Weihnachten, Geschenke an alle hier kam nicht in Frage. Kochen auch nicht, diesen Wettbewerb würde sie verlieren, schon zu lange hatte sie nicht mehr gekocht. Ihr Wichtel, mit Liebe ausgesucht, musste reichen. Aber Dankbarkeit zeigen, das konnte sie. Und sie hatte auch schon eine Idee! Sie würde der Leiterin einfach das „Bunte Verdienstkreuz“ verleihen, einfach so. Als Zeichen der Dankbarkeit. Als Zeichen der Wertschätzung. Und des Respekts vor der Lebensleistung dieser Frau.
Aber was war mit dem „Weihnachtsgrinch“ in der Gruppe, was machte sie mit ihm? Ihn und seine Frau hatte sie von Anfang an gemocht, hm. War es fair Einzelne herauszupicken? Aber picken wir alle uns nicht bei Weihnachten genau das heraus, was für uns persönlich wichtig ist? Und das ist für jeden etwas anderes. Einige wollen doch Weihnachten einfach nur ihre Ruhe haben, Frieden der anderen Art.
Kann es in dieser gemischten Gruppe überhaupt „Weihnachten“ geben? Als biblische, religiöse Geschichte für alle sicherlich nicht. Aber bestimmt als die Zeit, in der wir alle besonders nett zu unseren Mitmenschen sind. Wollen und können wir Weihnachten nicht einfach ganz neu definieren? Und wenn ja, wie?
Sie selbst genoss in den letzten Jahren an Weihnachten tatsächlich den Lichterglanz, die stillen Stunden mit Freundinnen und anderen lieben Menschen. Auch wenn diese Stunden im Halbdunkel dann doch nicht still waren. Heitere Stunden. Leichte Stunden. Besinnliche Stunden. Die friedvolle Stimmung in ihrem kleinen Umfeld. Und die Überraschungsgeschenke. Sowohl austeilend als auch erhaltend. Das Singen in der Kirche.
Was also würde sie mitnehmen für die neue Definition von Weihnachten? Was würde sie persönlich einbringen wollen, unbedingt?
Wie ist das mit Dir?





