Dienstjubiläum

Was für eine Persönlichkeitsentwicklung

12. August 2023

Bodypanting

3. September 2023

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Ein Grund zum Feiern?

40. Jahre und ein Ende?

Am letzten Freitag war es endlich so weit: Mir wurde meine „Dankurkunde“ für 40 Jahre Tätigkeit im öffentlichen Dienst überreicht. Endlich. Denn „eigentlich“ wäre oder vielmehr tatsächlich ist mein Dienstjubiläum ja bereits am 01.04.2023 gewesen. Allerding gab zu dem Zeitpunkt ja noch das laufende Disziplinarverfahren, dessen Ergebnis aus meiner Sicht allerdings bereits von Beginn an feststand, egal.

Ich war selbst erschrocken als es mir so richtig bewusst wurde, was das Jubiläum bedeutet: 40 Jahre Berufsbeamtin! Ich?! Dabei halte ich auch heute noch meine Einstellung damals in Hamburg für einen schlechten Scherz😉 Einen Aprilscherz eben.
Ich hatte den obligatorischen Test mitgemacht, klar, war auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und, ja und? Handelte entgegen jedem Ratgeber. Mensch, war ich naiv damals, 1981. Ich kam vom Land, Vorstellungsgespräch in der Stadt Hamburg, zu früh da, das Falsche angezogen, viel zu warm, also erstmal shoppen. Dann mit Einkaufstüten zum Termin. Und da saßen dann noch jeden Menge andere Aspiranten rum. Hm, ich hatte doch einen 15.00 Uhr Termin? Es war ein Sammeltermin, wie ich feststellen musste. Ich war als letzte gekommen, also musste ich nach dem Grundsatz „Last in, last out!“ auch seeehr lange warten. Ich fand das und finde es auch heute noch rückblickend total unmöglich! Da fehlte der Respekt gegenüber den Bewerbern und Bewerberinnen, definitiv! Und alle, die aus ihrem Vorstellungsgespräch kamen, teilten Informationen. Dabei stellte ich ziemlich schnell fest, dass die Fragen immer dieselben waren. Wie blöd ist das denn? Immer dieselben Fragen?? Ist doch klar, dass über die Antworten gequatscht wird. Um mich wurde es immer leerer. Endlich war ich als letzte dran. Also rein mit meinen Einkaufstüten. Natürlich dieselben Fragen, wie doof ist das tatsächlich? Ich weiß noch, dass ich fragte, ob sie von mir wirklich noch die Gemeinschaftsantworten haben wollen? Ich war sauer, müde , erschöpft, hungrig, durstig, schließlich war ich seit Stunden unterwegs, es war kurz vor 18.00 Uhr. Auch die übrigen Fragen waren nicht besser, ich hatte keine Lust mehr und war entsprechend pampig. Hier noch so eine Frage, bei der ich heute noch den Kopf schütteln kann „Was meinen Sie wie Sie im Test abgeschnitten haben?“ „Gut, sonst wäre ich ja heute nicht hier!“ Oder so ähnlich. Selbstbewusstsein hatte ich in Teilbereichen damals schon.

Warum ich das erzähle? Weil ich oft gefragt wurde, was eine wie ich bei einer Behörde macht. Ich sage dann immer ich sei der „Aprilscherz“, dazu da, um das Amt aufzumischen, zu verändern. Ja, genau das habe ich nämlich in den letzten mehr als 40 Jahren getan. Versucht zu ändern, was anscheinend nicht zu ändern geht, wie mir vorher immer gesagt wurde. Sich nicht beirren lassen, einen winzigen Fuß vor den anderen, manchmal ein noch winzigeres Stückchen zurück! Es war meistens anstrengend, die Diskussion, dieses „Das haben wir noch nie so gemacht!“ Dann wird es Zeit! Was war das damals in Forchheim für eine Diskussion ob die Essensmarken, ja, so etwas gab es vor gefühlten 100 Jahren noch, wirklich nur beim örtlichen Metzger eingelöst werden dürfen. Das wurde doch schon immer so gemacht. Nie habe sich jemand beschwert… Jetzt schon! Ein Blick in das Gesetz erleichterte wie so oft die Rechtsfindung! Und plötzlich war es gar kein Problem mehr die Marken zusätzlich beim örtlichen Nahversorger einzutauschen. Gut für mich und die anderen Vegetarier im Amt.

Personalratswahl, noch gar nicht so lange her. Macht „man“ nicht. Okay, aber „frau“ schon! Voller Einsatz, schließlich hingen die Trauben, das Ziel, hoch. Und rückblickend würde ich mich wieder so für meine eigene Kandidatur einsetzen. Untern Strich hat es sich gelohnt, auch wenn das primäre Ziel verfehlt wurde.

Ja, die letzten 40 Jahre waren anstrengend, der Hang zur Selbstausbeutung, der bei vielen Frauen Teil der Sozialisation ist, dem gab es fast genauso lange bei mir. Die Arbeit muss gemacht werden. Punkt. Nichts von es ist 16.00 Uhr und Bleistift fallen lassen. Nein, so eine war ich nicht, bin ich nicht. Auch wenn ich inzwischen etwas ruhiger geworden bin. Denn ich habe eines erkannt: Das Leben ist ungerecht! Und nur weil wir Frauen so viel mehr arbeiten als Männer, und hier wähle ich bewusst die Pauschalierung, heißt das noch lange nicht, dass diese Arbeit anerkannt wird. Uns Lob und gute Beurteilungen zu teil werden.

Meiner Meinung nach steckt das Berufsbeamtentum auch heute noch fest in patriarchalen Strukturen. Es wird immer noch aufgrund der vorgegebenen Beurteilungsgrundsätze Anwesenheit belohnt. Männlich Sein belohnt. Egal, was die Theorie besagt, die Statistiken angeblich über die gleiche Teilhabe von Frauen aussagen, die Punkteverteilung zwischen Männer und Frauen immer mehr einer Gaußschen Normalverteilung gleicht. Vieles aus meiner Sicht nur Optik. Das System steckt voller Diskriminierungen, obwohl es sich doch angeblich um Leistungsbeurteilungen handelt. Ich persönlich, ich Schaf, habe da zu lange dran geglaubt. Wenn ich mich nur genug anstrenge, wird meine Leistung irgendwann gesehen! Quatsch. Leistung ist zwar nicht unbedeutend, aber bei weitem nicht das einzige Beurteilungskriterium. Da gibt es nämlich noch jede Menge andere ungeschriebene wie Familienvater vor verheirateter Frau, weil „Frau Kurz-Richter, Sie sind doch verheiratet, Ihr Mann verdient doch als Ingenieur bestimmt gut, und da ist der Familienvater mit drei Kindern…“ Sippenhaft dachte ich immer, sei abgeschafft. Was hat im beruflichen Kontext mein Familienstand mit meiner Leistung zu tun??? So offen ausgesprochen wird die Denke vom Beurteilenden natürlich nur sehr selten. Aber jeder Fall ist einer zu viel.
Oder ob ich in meinem Alter noch eine Beurteilung möchte? Ich habe tatsächlich die Wahl, auch wenn es offenbar sehr gerne gesehen wird, dass ältere Kollegen und Kolleginnen zu Gunsten jüngerer auf die Beurteilung verzichten, weil „Sie ja nichts mehr werden können“.

Gibt es auch etwas Positives? Ja, denn sonst hätte ich die 40. Jahre nicht durchgehalten. Nach langen Zeiten im tiefen Tal der Tränen gehe ich fast immer noch jeden Tag gerne zur Arbeit. Mir macht meine Tätigkeit Spaß, ich bin sehr erfolgreich. Ja, ich lobe mich inzwischen selbst. Denn ein „Frau Kurz-Richter, ich bin mit ihrer Arbeit zufrieden!“ in einem Tonfall, der mich spontan an eine Kondolenz denken ließ, bei der Übergabe der Dankesurkunde, ist mir nicht genug! Ich will ein echtes Lob für meine Arbeit, den Erfolg, hier wiederhole ich mich gerne, für die Hingabe, denn auch das gehört zum Erfolg, und nicht ein „zufrieden“. Ich will halt mehr! Wichtig sind die Kolleginnen und Kollegen, damit steht und fällt zumindest bei mir die „Lebensqualität“ im Amt. Der Zuspruch, das Sich verlassen können auf, das Austauschen, die fachlichen Gespräche. Ja, ein wirklich wesentlicher Teil, der zur „Erfolgsgeschichte“ 40-jähriges Dienstjubiläum beigetragen hat.
Ich habe noch ein paar Jahre. Durch meine Gesundheit bin ich gezwungen weniger zu arbeiten als ich mir manches Mal zutraue. Ich kann inzwischen ab und etwas länger liegen lassen, mich für einen Moment entspannt zurücklehnen.

Aber, und auch das ist mir auch gerade heute wieder bewusst geworden beim Schreiben dieses Textes, ich werde nicht aufhören Sachverhalte zu hinterfragen, oft ist mir weiterhin in „Nein“ als Antwort nicht genug. Ich will weiterhin die Veränderung, denn ein in wesentlichen Teilen seit 1871 unverändertes Berufsbeamtentum ist für mich im Jahr 2023 einfach nur antiquiert und nicht zukunftsfähig!

Deshalb werde ich dem Rat einer Freundin folgen, die Dankesurkunde schön rahmen und mit ins Büro nehmen. Sichtbar aufhängen, täglich anlächeln und sagen: „Ich bin noch da!“ 🥳🥳