Nacht

Heldinnen for ever

29. Juni 2023

„Backlash“

2. Juli 2023

Heldinnen for ever

29. Juni 2023

„Backlash“

2. Juli 2023

Sommernacht

Warm, über 26 Grad im Schlafzimmer, aber heute soll die Klimaanlage schweigen. Sie öffnet die Fenster mit den Insektenschutzgittern weit, lässt die Rollos runter, geht ins Bett. Warm. Ohrstöpsel rein, die Nachbaren feiern mal wieder. Sie sind nicht besonders laut, aber auch nicht weit weg 😉 Nächstes Haus halt, so ist das in der Stadt.

Sie liegt ruhig auf dem Rücken und versucht an nichts zu denken, sehnt den Schlaf herbei, aber ungezwungen. Morgen ist schließlich Samstag und bis auf Putzen und Einkaufen steht nicht auf der Agenda.

Puh, zu warm, einen Fuß unter der Decke hervorgeholt. Die Gedanken schweifen weiter, zu den Männern des Dating-Portals, die letzten Kontakte. Der Architekt, der ghosten ging, okay, fand sie interessant, aber er war auch sehr von sich selbst überzeugt. Sie von sich auch, vielleicht nicht die beste Kombi 😊 Und vom Körperlichen her fand sie ihn auch eher unscheinbar. Ja, der Golfer hatte in Sachen Attraktivität deutlich mehr. Was war mit M aus S? Mit dem hatte sie in den letzten 4 Jahren schon mehrmals Kontakt gehabt, ja, ansprechendes Äußeres, aber auch wieder so einer. So einer, die Freundschaft plus wollen und nicht akzeptieren können, dass Frau mindestens erstmal ein Kennlerntreffen möchte, bevor sie sich ins Plus stürzt. Freundschaft plus?! Warum reden die Männer dann nicht ehrlicherweise gleich von Sex? Sie fallen doch eh fast mit der Tür ins Haus…

Langsam wurde sie wieder wacher, Schlaf zog sich immer mehr zurück, die Packung Kekse im Magen war anscheinend auch ein Schlafhindernis. Hm, bei den Nachbarn immer noch Party. Doch Fenster zu und Klimaanlage an? Oder Zeit für eine Runde Sex mit sich selbst? Noch funktionierte der Womanizer ja. Der Gedanke an das Sexspielzeug brachte die Erinnerung an den Typen aus Lübeck zurück. Der war schon was Besonderes gewesen. Mit dem waren Sex und Spaß eins gewesen, und nicht zwei Dinge, die irgendwie nicht zusammenpassten. Ja, zusammen mit dem hätte der Gebrauch des Womanizers bestimmt Spaß gemacht. Schließlich hatte sie sich dieses Teil auf seine Empfehlung hin gekauft. Über hundert Euro, aber nicht eine Sekunde bereut. Ja, der Mann hatte was, auch so, im normalen Umgang. Aber vorbei, Schnee von gestern, glücklich mit seiner neuen Liebe, hoffte und wünschte sie.

Aufgestanden und fast verschämt das Sexspielzeug aus dem Badezimmer geholt, wo es immerhin griffbereit lag. So weit war die Hemmschwelle schon gesunken im Laufe der Zeit. Es sich im Bett bequem gemacht, wie gut, dass Kopf- und Fußteil verstellbar sind. Sie musste leicht lächeln. Und dann fing sie an die Zeit mit sich selbst zu genießen. Die leicht aufsteigende Hitze, dass zunächst sanfte Kontrahieren der Muskeln, puh, das würde morgen wieder einen Muskelkater geben. Dieser Gedanke ging im ersten Zucken unter. Was stand noch im Buch mit dem wunderbaren Titel „Komm, wie Du willst“? Erst vor kurzen hatte sie es wieder für eine Buchempfehlung in der Hand gehalten. Wie war da noch die Anleitung zum genussvollen Masturbieren? Steigere langsam die Intensität, gehe nicht gleich auf die 10, versuche die 8, gehe runter auf die 4, nimm einen neuen Anlauf und ja, experimentiere einfach. Fast meinte sie die Worte vor sich zu sehen, obwohl sie das Buch schon vor Jahren gelesen hatte.
Heute Abend hatte sie Zeit, Zeit für den Genuss. Die Akkuleistung des kleinen Geräts betrug in neuem Zustand zwei Stunden, aber so lange wollte sie heute nicht spielen. Aber nochmals zum Orgasmus, wohl dosiert, ja, warum nicht? Vergiss den Muskelkater morgen, bewege dich im Hier und Jetzt. Trotz allem ließen sich ihre Gedanken nicht abstellen, gut, dass sie sich nur um sich selbst kümmern musste. Kein Mann dabei, der ihre Aufmerksamkeit und mehr wollte. Obwohl, so ein bisschen kuscheln wäre schon ganz nett. Egal, heute konnte sie nicht alles haben, aber genug. Stille, Herzklopfen, nachspüren. Liegen, Entspannung. Und schon kamen wieder ein paar ketzerische Gedanken: Warum konnte/wollte sie sich nur mit Hilfe einer Maschine selbst befriedigen? Welche Verbote steckten dahinter, das Hand anlegen an sich selbst ein scheinbar unüberwindbares Tabu war?  Eltern? Sie kann sich gar nicht richtig an Verbote hinsichtlich sich selbst an den Geschlechtssteilen, der Vulva und Klitoris, anzufassen erinnern. Aber da muss es noch verborgene „Glaubenssätze“ geben. Denn sonst würde sie doch einfach tun, was zu tun ist?! Egal, immerhin war die Selbstbefriedigung mit Vibrator schon ein großer Fortschritt zu früher. Hatte sie u.a. dem selbst geschenkten Amorelie Adventskalender vor Jahren zu verdanken. Und na ja, der Neugierde des Lübeckers. Irgendwie schienen sie beide, ihrer Erinnerung nach, dort Neuland betreten zu haben. Anscheinend sind nicht alle Herren der Schöpfung so taff und vor allen Dingen allwissend wie sie immer tun. Sie gönnte ihren Muskeln eine Pause. Fast hellwach, hm. Und jetzt?

Nicht lange nachgedacht, sondern sich in den Bademantel gehüllt, denn ein Stockwerk tiefer ist es deutlich kühler. Und mutig voran die Kurzfassung des Abends/der Nacht in die Tasten gehauen.

Will sie das wirklich veröffentlichen? Ja, irgendwie schon. Da kommt ihre missionarische Ader durch. Denn ohne die vielen gelesenen Bücher, in denen Frauen wie Katja Lewinski offen über ihre Sexualität schreiben, wäre sie nie so weit gekommen wie in dieser Nacht, nämlich zum Mehrfachorgasmus. Vielleicht bringen die Wörter ja die eine und andere Leserin zum Nachdenken, Nachmachen, was auch immer.

Wir gehören uns! Und sind für unsere Sexualität zumindest im privaten Raum selbst verantwortlich. So viel hatte sie immerhin in den letzten fünf Jahren gelernt.

So, noch einmal Korrektur lesen, Fotos hinzufügen und ab ins Bett. Inzwischen ist Morgen und die Nachbarn haben auch schon das Licht gelöscht.