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Happy Birthday

8. Juni 2023

Tomate, Fahrrad, Guillotine

19. Juni 2023

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8. Juni 2023

Tomate, Fahrrad, Guillotine

19. Juni 2023

Und dann?

Was haben mein Buch und dieser Briefumschlag gemeinsam? Meine Mutter.

Meine Mutter ist das Bindeglied. Die Frau, die mir kurz vor Weihnachten in einem Telefonat mitteilte, das sie mit mir keinen Kontakt mehr wolle, wenn ich auf sie soooo schlecht zu sprechen sei. Wie ich herausfand, hatte mein Vater ihr mehrere Passagen aus meinem Buch „Katastrophe mit Nachhall“ vorgelesen. Welche, da kann ich nur spekulieren, in so vielen kommt sie ja gar nicht vor. Also kein Kontakt mehr. Zunächst war ich vor den Kopf gestoßen, ich wusste nicht, wie mir geschah. Aber egal. Kein Kontakt bedeutet keine Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, keine Telefonate an diesen Tagen, was für Erleichterung sorgte, denn meine Mutter war schwer zufrieden zu stellen. So verstrichen die Wochen und Monate und mit ihnen, tatsächlich Weihnachten, Silvester, Geburtstag und Ostern ohne Kontakt. Manchmal ein bisschen merkwürdig, weil ich jahrzehntelange Gewohnheit ablegen musste, aber gut. Befreit von einer Last. Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir war schon seit sehr langer Zeit zumindest von meiner Seite aus angespannt gewesen, wurde nachdem Tod meines Mannes eher noch schlechter statt besser.

Doch dann kam Anfang Mai und die permanente Erinnerung an den Muttertag, dieses in meinen Augen absolut kommerzielle Konstrukt. Trotz allem konnte ich mich dem Ganzen nicht entziehen. Mir ging es aber weder um das „Ehren der Mutter“ noch die Geschenke. Mich quälte die Frage, ob es wirklich so zu Ende gehen muss, mein Mutter-Tochter-Verhältnis. Oder ob ich nicht doch, damit ich später nach dem Tod meiner Mutter, möglichst nichts bereue, nicht doch noch einmal den Kontakt zu einer Klärung/einer Aussprache suchen will. Ich habe ihr etwas zu sagen, vielleicht sie ja auch mir? Die Meinung meiner Freunde und Freundinnen zu diesem Thema waren deutlich geteilt!

Ich schrieb also vor dem Muttertag einen Brief, versuchte mein Bestes, was auch immer das ist, über Formulierungen lässt sich trefflich streiten, und schickte ihn auch tatsächlich ab.

Zu meiner großen Überraschung bekam ich relativ schnell Antwort. Guckte mir den Brief an und wusste nicht was tun. Wollte ich wirklich lesen, was sie mir zu schreiben hatte? Mich möglicherweise ihren Vorwürfen aussetzen, meine eigenen Versäumnisse lesen? Ich zögerte Tag um Tag, bis Pfingsten. Und gerade da waren alle meine engsten Vertrauten unterwegs und nur schwer greifbar. Noch länger warten? Was ist, wenn sie auf Antwort wartet?
Am Ende nahm ich all meinen Mut zusammen und machte es mir in einem Café schön. Kein Gefühlsausbruch vor den Leuten! Öffnete den Brief, warf einen Blick hinein und war fassungslos. Was sah ich? Sie hatte meinen Brief geöffnet, gelesen, wieder in den Umschlag gepackt und kommentarlos in einem weiteren Umschlag zurückgeschickt. Kommentarlos! Die Schrift war ihre, auch wenn ich deutlich hinter dem Ganzen die Handschrift meiner Schwester erkannte. Wie predigt die seit Jahren? „Ärger gehört dahin, wo er herkommt!“

Aha, also war mein Brief an meine Mutter „Ärger“. Keine ausgestreckte Hand, keine Geste der Versöhnung, sondern ÄRGER!! Na gut. Inzwischen hatte ich meine Fassung wieder. Erleichterung machte sich breit. Ich brauchte nicht zu lesen wie sehr ich evtl. als Tochter versagt habe, muss mich weder rechtfertigen noch mich tatsächlich mit meiner Mutter auseinandersetzen. Das erspart schlaflose Nächte, wenn auch nicht alle.

Heute, Wochen später, bin ich in erster Linie immer noch erleichtert. Ich hätte mich mit meiner Mutter auseinandergesetzt, wenn sie es denn gewollt hätte. So nach dem Motto „Wer A sagt, muss auch B sagen!“ Und dies, obwohl ich genau weiß, dass dieser Spruch absoluter Quatsch ist. Niemand oder niefrau, die „A“ sagen, müssen auch „B“ sagen. Dazwischen gibt es jede Menge von Handlungsoptionen 😉 Ja, tatsächlich, so weit bin ich dank Therapie.

Ich bedaure die Reaktion meiner Mutter, denn es ging mir nie um ein Schuldanerkenntnis von ihrer Seite. Aber ich merke auch, dass es mir sehr wohl darum ging, mich als Tochter zu beweisen, mir selbst noch einmal alle Optionen offenzuhalten und mit mir selbst ins Reine zu kommen. Ich liebe meine Mutter nicht und ich schulde ihr auch nichts. Das mit dem „Nicht-Schulden“ weiß ich zwar theoretisch, aber mit Theorie ist das immer so ne Sache.

Und mir ist noch ein Grund dafür klar geworden, warum mir dieser erste Schritt zur Versöhnung so wichtig war: Ich möchte nicht so werden, so enden wie meine Mutter und meine Großmutter, nämlich als verbitterte alte Frau. Dazu ist mir mein Leben zu kostbar!