
Bleibt im Bücherschrank
6. Oktober 2022
Es ist…
12. Oktober 2022=> Beziehungen?
Eine meiner Freundinnen hat/hatte eine Beziehungskrise. Darüber unterhielten wir uns und dann fiel dieser Satz, der mich nicht mehr loslässt: „Die Beziehung ist im Ungleichgewicht. Die Auszahlungen entsprechen nicht den Einzahlungen.“ Wie bitte? Ja, sagte sie, sie liest gerade ein schlaues Buch. In dem werden Beziehungen als etwas deklariert, was aus verschiedenen Handlungen/Taten besteht, die im Grunde Einzahlungen und/oder Auszahlungen darstellen. So wie bei einer Bank, bei einem Konto. Nur geht es nicht um Geld, um Mark und Pfenning, sondern um eine andere Währung, welche auch immer. Ihre Beziehung war nicht mehr ausgewogen, daher wurde diese beendet.
Im nächsten Moment fragte ich mich insgeheim, was denn mit unserer Beziehung sei, der zwischen ihr und mir. Ausgewogen? Defizitär? Guthaben habend? Ich war tatsächlich in Sorge, dass aus ihrer Sicht dieser Beziehung etwas, nämlich Einzahlungen von mir, fehlen könnten. Mir kam unsere Beziehung ausgeglichen vor, aber so wie Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, gilt das mit Sicherheit auch für das Abwiegen/ das Austarieren von Beziehungen. Nach ihrer nächsten Sprachnachricht war ich wieder beruhigt und haderte mit mir wegen meiner Selbstzweifel.
Aber sie hatte eine Saat gesät, ein Korn gelegt, welches in den nächsten Tagen aufging, denn ich fing tatsächlich an meine eigenen Beziehungen einzuschätzen, mir unter dem Aspekt „Einzahlen und Auszahlen“ anzuschauen. Nur unter diesem Aspekt!
Und musste feststellen, dass zwar alle meine Beziehungen ausgeglichen sind, das Verhalten der Beteiligten, also auch von mir, von Beziehung zu Beziehung sehr unterschiedlich ist, auch wenn das Ergebnis für mich immer dasselbe ist: „Glatt“.
Da gibt es eine Beziehung, in die werden täglich winzige Beträge eingezahlt, so wie in einem Ratensparvertrag, nur nicht monatlich, sondern eben täglich. Mit der o.g. Freundin geht es zwar auch täglich ums Einzahlen und Auszahlen, aber ich merke, die „Beträge“ sind deutlich höher. Spannend. Dann gibt es Beziehungen, da wurde zu Beginn eine große Summe eingezahlt, von einer Seite, wie ein Vorschuss, später dann auch von der anderen, teilweise befinden wir uns im Dispokredit, aber es scheint trotzdem sehr gut zu funktionieren. Desweitern gibt es noch eine Beziehung, da wird wöchentlich eingezahlt und abgehoben, relativ viel. Beziehungen so zu betrachten, ausdrücklich nicht zu bewerten, hat etwas. Denn dabei stellte ich fest, dass jede Beziehung ihr eigenes Strickmuster hat. Manche haben Ähnlichkeiten mit anderen, einige sind absolut individuell.
Beim Nachdenken ist mir auch aufgegangen, wie wichtig es ist in derselben bzw. in einer konvertierbaren Währung zu bezahlen. Italienische Lire und Deutsche Mark? Hm, inzwischen haben wir alle Euro. Also Gummibärchen gegen Schokolinsen, Wein gegen Brot, das funktioniert nur bedingt.
In meiner Familie ist meine Mutter felsenfest davon überzeugt, dass bei ihr „niemand zu kurz gekommen ist“. Ich sehe es als Beteiligte völlig anders! Was wäre aber, wenn meine Mutter zwar jede Menge in die Beziehung mit mir eingezahlt hat, aber ihre Währung nur einfach nicht mit meiner kompatibel war und somit die Beziehung am Ende absolut defizitär ist? Ähnliches habe ich mit einer meiner Schwestern erlebt. D.h. auch dort sitzt oder auch steht mir eine Person gegenüber, die meint genug einbezahlt zu haben, aber ich kann die „Einzahlung“ weder sehen noch fühlen? Und was ist mit meinen Einzahlungen bei ihr? Vielleicht dasselbe? Habe ich trotz nicht vorhandener Einzahlungen Auszahlungen z.B. bei meiner Mutter vorgenommen? Ich weiß es nicht, aber die Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke, da werden sie auch noch die eine und andere Runde Karussell fahren…
Wichtig ist für mich, für heute, die Erkenntnis, dass ich keine offensichtlich verlustbringenden, unausgeglichenen Beziehungen mit mir herumschleppe! Weder im Beruf noch Privatleben.
Wer sich jetzt fragt, wie ich die Beziehung zu meiner Mutter lebe, dem sei gesagt: So gut wie gar nicht, siehe auch den Blogbeitrag „Tabubruch“. Aber ich denke über die Möglichkeit eines anderen Umgangs nach, denn für die Nutzung einer „ungültigen“ Währung kann meine Mutter vielleicht, aber nur ganz vielleicht, nichts.
P.S.: Eine Freundin brachte zwei Aspekte ein, die ich so interessant finde, dass dieser Beitrag unbedingt eine Ergänzung braucht: Zum einen ist da die Rede von „Zwangsumtausch“, so wie damals bei Reisen in die DDR. Die Älteren unter uns können sich sicher erinnern. Zum anderen Aushöhlung des Guthabens durch Inflation.
Mit dem „Zwangsumtausch“ kann ich selbst momentan nichts anfangen, aber Inflation kenne ich.
Hm, gibt es dann eine persönliche Inflation? Abhängig vom „Gegenspieler“ in der Beziehung? Über alle Beziehungen hinweg diesselbe? Oder bewegen wir uns hier gedanklich doch schon wieder zu sehr im Bereich „Geld“? Ich merke es bleibt spannend.




