
Sonntagnachmittag
18. September 2022
Was Männer kosten
25. September 2022Die Karte mit dem o.g. Spruch verwendete ich bei meinem letzten Blog, aber der Spruch geht mir nicht mehr aus dem Sinn. So gar nicht. Vor allen Dingen nachts nicht, wenn ich schlafen sollte. Weil die meisten Menschen halt nachts schlafen, um tagsüber fit zu sein. Also nicht die beste Idee abends im Bett über die Zukunft nachzudenken. Da ist dann Schlaflosigkeit irgendwie vorprogrammiert. Doof, nein, schlaflos und am nächsten Tag müde. Auch nicht besser.
Umarme die Katze. Ich habe keine Katze, also wen soll ich umarmen, so mitten in der Nacht. Was sind da überhaupt für Gedanken?
Ich bin Witwe, obwohl ich das Wort hasse, es lässt mich immer an alt, gebrechlich, verbittert, verarmt, ausgestoßen denken. Das bin ich nicht, zumindest will ich es nicht sein. Witwe, alte Frau mit Buckel. Was für Assoziationen. Aber sie sind da und die Bilder verschwinden nicht durch bloßes Wunschdenken.
„Witwe“ ist ein Status, den ich nicht haben will. Geht der noch einmal weg? Keine Zustandsbeschreibung, oder doch? Wo ist der Unterschied? Wer definiert mich als Witwe? Das Gesetz und die Gesellschaft, ganz klar, denn mein Ehemann ist verstorben. Aber im Grunde sagt dieser Begriff nichts über mich selbst, die Übriggebliebene einer Ehe, einer Paarbeziehung, aus. Wäre ich nicht verheiratet gewesen, könnte ich mich ohne Probleme „Single“ nennen, bin ich ja auch, im wahrsten Sinne des Wortes „einzeln“. Obwohl Single in meinem Alter auch schon wieder wie „übrig geblieben“ klingt.
Singuläre Frau finde ich sehr passend, seitdem ich diesen Begriff im gleichnamigen Buch von Katja Kullmann las. Singuläre Frau, ich habe vergessen, wie sie den Begriff auslegte, ich könnte nachlesen, aber wozu? Für mich klingt dieser Begriff sehr selbstbestimmt. Nach Freiwilligkeit statt nach, ja, hier ist es wieder das Wort „übrig geblieben“. Singuläre Frau, stark, eigenwillig, niefrau, die nachts eine Katze umarmen möchte. Oder doch? Doch, ich denke schon. Einsame Momente sind nicht nur den Schwachen vorbehalten, auch Starke und Taffe können betroffen sein.
Gestern Nacht war ich nicht einsam, aber allein, keine Katze, kein Mann, kein Mensch in unmittelbarer Nähe. Keine Person zum Reden da. Und, was noch wichtiger ist, zum Berühren. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wo kommt denn jetzt dieser Spruch her? Leitsätze der Vergangenheit, klar, mein Unterbewusstsein spielt mit und schießt queer. Plötzliche Sehnsucht nach Berührungen. Woher nehmen? Wenn Null „Katze“ da? Nicht lustig, traurig. Vorbei gehend, ja, aber…
Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ich mein Leben weiter verbringen will. Welchen Vorteilen wie Freiheit stehen Nachteile wie Einsamkeit, wenn auch nur partiell, gegenüber? Ist es gut, dass ich Berührungen, Kuscheln, und ja auch Sex vermisse oder muss ich da durch, durch ein zölibatäres Leben? Wäre das der Preis der Freiheit, so wie ich diese im Moment brauche? Vermische ich da nicht Dinge? Kann es das eine mit dem anderen geben? Und wenn ja, in welcher Form? Was will ich überhaupt? Das ist immer noch die Kernfrage nach 4,5 Jahren Witwenschaft. Will ich tatsächlich wieder eine Partnerschaft, in welcher Form auch immer? Nähe? Vertrauen? Kann ich das eigentlich nach den Erfahrungen der Vergangenheit?
Die Antwort nach dem „Können“ ist so klar und eindeutig zu beantworten, dass das „Nein“ mir schon wieder in der Seele weh tut. Aber wenn ich etwas nicht kann, dann habe ich keine Wahl! Keine Wahlfreiheit bei Unvermögen.
Vertrauen bei Entfernung geht schon, in kleinen Dosen, in kleinen Schritten. Aber Nähe? Das ist mehr als ein Kapitel für sich. Und das heißt nicht, dass ich es nicht ändern möchte…
„Eine Frau bricht auf“ Untertitel meines Buches. Doppeldeutig im Kontext zur Covergestaltung, absichtlich so gewählt.
„Auf lasst uns brechen und auf den Weg machen!“ Dieser Satz kommt auch aus meiner Vergangenheit hoch. Aus dem Lateinunterricht, war die Übersetzung für ein Verb, proficere? Keine Ahnung. Das Wort, das lateinische, hat die Zeit hinweggespült, aber die „Eselsbrücke“ ist geblieben. „Auf lasst uns brechen“, wir Kids dachten damals dabei natürlich ans „Kotzen“, und bei „auf den Weg machen“? Naja, Kinder halt, so lange her.
Aber dieser Satz spricht halt auch von Aufbruch, von dem Verlassen eines alten Standortes, einem sich bewegen, hoffentlich vorwärts, einem sich auf den Weg machen. Und ja, auf dem Weg bin ich nun seit längerer Zeit, ich bin aufgebrochen, auch innerlich, mein Vater war Jäger, da bekommt „Aufbruch“ für mich immer noch eine weitere Bedeutung. Ich breche auf, mich, die starre Hülle, die das Ich umfangen hält. Mein Schutzschild bröckelt und dann, dann stehe ich da halt halbnackt, bildlich gesprochen. Kein Schutz mehr, verletzlich, Nähe wünschend, aber nicht könnend, weil “schutzlos“. Und verletzt wurde ich in meinem Leben schon genug, das brauche ich nicht wieder. Wohl wissend, dass ein Leben ohne Verletzungen ein „ungelebtes“ Leben sein wird. Ein Leben, welches die Komfort- und Schutzzone verlässt, mit allen Risiken und Nebenwirkungen, kann im Normalfall nicht frei von Verletzungen sein. Weil wir Menschen eben sind, wie wir sind.
Also muss ich für mich abwägen, ob ich den Status quo erhalten haben will – ist ja ganz nett mit Wohnung in der Stadt, Freunden, Job, Urlaub, evtl. wenn ich denn wollte, vielleicht ein kleines Techtelmechtel, auf Datingpotalen gibt es genug Auswahl – oder ob ich mehr vom Leben haben möchte. So nach dem Motto: Umarme die Katze und achte auf die Krallen. Aber ich wollte letzte Nacht keine Katze umarmen, sondern einen Menschen. Tja, und da schließt sich der Kreis, siehe oben? Oder hatte er sich gar nicht erst geöffnet?
Will ich zu viel? Keine Ahnung, aber ich denke „nein“.
Eine Frau im Aufbruch, ja, definitiv. Wohin? Auf jeden Fall dorthin, wo das Gras grüner ist und es Blumen gibt => kein Dahinvegetieren mehr in Tristesse!




