
So sieht Feminismus aus
17. August 2022
„Weiße Hexe“
31. August 2022Da lag sie nun, die Einladung zum 60. Geburtstag meiner langjährigsten Freundin. Foto der Gastgeberin in Spe mit schwerer Goldkette, Twinset, gediegener „Landadel“, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten nur meine Freundin, etwas älter als beim letzten Treffen, aber ansonsten stimmt die Erinnerung.
Oh, coole Location, am Wasser in Hamburg, doch schon was Besseres. Ich sagte zu und legte die Einladung beiseite, war noch lange hin, die Kieferorthopädin ist wie ich sehr frühzeitig bei solchen Sachen unterwegs.
Langsam rückte der Geburtstag näher und eine Frage drängte sich immer mehr in mein Bewusstsein: Was ziehe ich an? Mein Kleiderschrank ist zwar voll, aber ist auch das Richtige dabei? Wie wird das Wetter werden? Nach diesem Sommer ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es ein warmer Abend wird, Temperaturen locker bis 30 Grad. Klamotten gesichtet und im Grunde nichts gefunden. Gut, als nächstes die Schuhe, da brauchte ich nicht einmal den Schrank zu öffnen, in Richtung Pumps gähnende Leere, bei Sandalen sah es deutlich besser aus, aber die ziehe ich an so einem Abend nicht an. Pumps kaufte ich spontan bei der Shoppingtour in Nürnberg an Maria Himmelfahrt, langsam wurde es Zeit. Ich war einfach nur so dorthin gefahren, mein 9 Euro-Ticket nutzend, und dann findet frau ja oft etwas…
Der Termin rückte noch ein paar Tage näher, oh, schicke Bluse hier im Laden um die Ecke, aber irgendwie kam immer was dazwischen wie keine Zeit, keine Maske, zu viele andere Kunden und am Ende: Betriebsurlaub bis weit in den September hinein, ungünstig. So, da stand ich nun und hatte immer noch außer blauen Pumps nichts, eindeutig zu wenig. Eine helle Hose musste her, kann ich notfalls auch bei anderen Gelegenheiten tragen. Da ich inzwischen weiß, wo es in Bamberg Hosen in meiner Größe gibt, und zwar mit Auswahl, kein großes Problem. Oberteil, abwarten und Tee trinken, notfalls eins der Kleider, mal sehen. Und dann wurde es wieder kühler, Wetterbericht sagte für den Abend in Hamburg knapp 20 Grad C voraus, ja, hm. Daraufhin durchforstete ich noch einmal meinen Kleiderschrank und wurde tatsächlich fündig, ich hatte mir letztes Jahr ein tolles Teil von Hugo Boss gekauft, das müsste gehen, allein der Designer, wenn der das nicht rausreißt, da oben, bei der Feier mit all den Ärzten und Arztgattinnen und so.
Der Termin kam noch näher, der Kosmetiktermin war abgearbeitet, denn genau so „abgearbeitet“ wollte ich ja nicht aussehen, ich packte meine Sachen und die Reise mit „Chauffeur“ konnte beginnen. Ein bisschen mulmig war mir schon, schließlich wollte ich ja kleidertechnisch nicht aus dem Rahmen fallen, meine Freundin nicht durch unpassende Kleiderwahl blamieren, einfach was her machen, denn schließlich bin ich ja auch wer!
Mein Kind gab letzte Anweisungen bezüglich der passenden Handtasche, auch da hatte ich inzwischen ein edles Teil, der Nichte und ihrer Assistenz beim Einkaufen sein Dank, und dann fuhr ich los. Etwas zu früh war ich dort, parkte mein Auto, wurde von der Gastgeberin herzlich begrüßt und sah mich um. Fast nur Familie da, alle schick gekleidet, ich passte dazu, ich fühlte mich wohl, da gehörte ich hin. Prima. Und da stand ich nun und sah, wie die übrigen Gäste so nach und nach eintrudelten und fing langsam an mich zu fragen, ob ich wirklich hier richtig war. Die Herren, fast alle okay, nichts auszusetzten, eh nicht meine Party, bin selber Gast, aber: Haben sich die Regeln für Feierlichkeiten in den letzten Jahren wirklich sooo geändert und gelockert? Hier jetzt eine Runde Ablästern, aber ein 60. Geburtstag in einem guten Restaurant nur gerade etwas über 20 Grad und einige der Frauen kamen in, ja, wie soll ich es nennen, Strandkleidchen? Eins sah aus wie ein Nachthemd für Opa vor 100 Jahren und und und. Mindestens ein Drittel der weiblichen Gäste kam in so einem Outfit an, aber gemischt durch die verschiedenen Gästegruppen, also scheint dies jetzt Trend zu sein.
Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte mir jeden Gedanken sparen können hinsichtlich „Was ziehe ich an?“ Einfach blindlings in meinen Kleiderschrank greifen können und die Teile hätten zum Rest gepasst. Eine andere Schulfreundin war auch dort und ich fragte ganz vorsichtig nach, denn vielleicht hatte ich etwas falsch verstanden? Die Einladung selbst gab ja keine Kleiderordnung vor, aber Ort, Anlass und Foto waren für mich trotzdem eine ungeschriebene, verbindliche gewesen. Die Antwort war einfach, kurz und knapp, nämlich „Jede hat ein Anrecht auf schlechten Geschmack!“
Aber ist es wirklich so einfach? Die Frage lässt mich nicht los, ist im Grund inzwischen irrelevant, weil das Event ja vorbei ist, aber…
Haben sich die Sitten und Gebräuche tatsächlich so verändert? Ist bei einer Feier Kleidung, die nicht immer und täglich getragen wird, nicht mehr notwendig, gar unerwünscht? Hat feierliche Kleidung eines Gastes, ein sich Zurechtmachen, nicht auch etwas mit Respekt für die Gastgeberin, hier dem Geburtstagskind, zu tun? Machen Kleider heute nicht mehr Leute? Aussehen ist nicht alles, auch das weiß ich, und Sonntagskleidung, die wirklich nur sonn- und feiertags getragen wird, halte ich auch für eine Geld- und Ressourcenverschwendung, ganz klar, aber. Hier ist es wieder das „aber“. Hat es vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ich selbst bald „nulle“ ich mir schon wünsche, dass meine Gäste dem Anlass entsprechend gekleidet sind, kein Trauerflor, der wäre übertrieben 😉, ich mir aber trotz der lockeren Art der Feier ein etwas festliches Outfit wünsche? Ausgesprochen habe ich es nur bei meiner Schwester, die fragte mich tatsächlich, meine lapidare Antwort war: „Es gibt keine Kleiderordnung, ihr seid doch immer passend gekleidet“. Erwarte ich jetzt etwas, was ich vielleicht nicht bekomme? Haben sich die unausgesprochenen Konventionen verändert und ich muss heute aussprechen, was gestern selbstverständlich war? Mit diesen Werten bin ich groß und älter geworden, die meisten meiner Gäste auch und trotzdem frage ich mich, was das denn in Hamburg war. Andererseits, brauche ich wirklich eine Antwort? Ich bekam ehrlich gemeinte Komplimente, ein Feedback, welches meine Überlegungen im Vorfeld ad absurdum führten, ich selbst fühlte mich total wohl, ich war ich selbst, aber die anderen Frauen eben auch. Es lebe der Unterschied!




